Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1930)
- Article
- Alfred Döblin: Berlin, Alexanderplatz [Rezension]
- Date
- 1930-03-01
- Page
- 201 (sequence 1)
- Language
- German
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^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^t ALFRED DÖBLIN: BERLIN, ALEXANDER¬ PLATZ. Die Geschichte von Franz Rihotkopf. Verlag S. Fischer, Berlin. Die Fabel dieses Romans ist einfaeh. man ist fast versucht zu sagen, unwesentlich gegenüber der stilistischen Leistung. Ein stilistisches Problem wird hier gelöst, der Inhalt könnte auch in einer anderen gesellschaftlichen Sphäre der Großstadt spielen. Dal! Franz Biberkopi' aus dem Gefängnis entlassen wird und sich vornimmt, von nun an ein anständiges Leben zu führen, und daß ihm das holz aller ehrlichen Bemühung nicht gelingt, diese zwangsläufige Kette von Ereignissen innerhalb eines Milieus von Zuhältern und Verbrechern, ist schon oft geschildert worden. Man denke etwa an Charles Louis- Philippe oder an die Pariser Apachen- und Zuhälterromane von Francis Carco. Aber wie idyllisch ist Garco gegen das. was Döblin erzählt: oder, um beim selben Lokalkolorit zu bleiben, wie hat sich Berlin seit Georg Hermanns „Kubinke" verändert! In diesem außerordentlichen Roman handelt es sich weniger um das Was, mehr um das Wie; gewiß, es sind Vorbikller vorhanden: die psychologische Technik des Iren James .loyce (die von der Psychoanalyse sehr stark beeinflußt ist) wird hier verwendet, und auch der Amerikaner John Dos Passos wäre liier zu nennen, der in kurzen, Personen und Ort filmarlig wechselnden Prosastücken, die Rasanz New Yorks ein längt. Doch bleibt die Originalität Döblins über allen Zweifel erhaben. Die Kreuzung der Stilarlen ist hier kein ästhetisches Spiel wie bei Joyce, sondern ein Erfordernis des Schauplatzes. Wie in den modernen Riesenstädten sich Rassen und Sprachen mischen, wie hier der einzelne von der Masse und die Masse selbst von der steinerneu Unpersönlichkeil geschluckt wird, diese besondere Maschinerie des Schicksals soll hier durch das Nebeneinander von Statistik und Sarkasmus, von biblischem Pathos und Argot, von Amtsblatt, und Idylle symbolisiert werden. Der Kampf zwischen seelenloser Mechanik und dem Mechanismus der menschlichen Seele wird hier mit Ironie und Mitleid gestaltet, und mit den Mitteln der Sachlichkeit wird hier der sachliche, berichlerstattende Stil glänzend ad iibsurdum geführt, da sich die homerische Souveränität des Erzählers immerfort in den Bericht einmengt. Und über alles für das heutige Großstadlleben Typische hinaus, wie ist hier Berlin und das Speziell-Berlinische gesehen, geschmeckt und gerochen! Hier liegt ein großartiger Versuch vor, ein Experiment, w ie es einer Zeit entspricht, die ihre Form noch nicht gefunden hat, und deshalb etwas, was mehr ist, als alle schnellfertigen Schlagworle der Schulen: ein Krislallisalionszentrum für einen neuen Stil. SAMUEL BUTLER: DER WEG ALLES FLEI¬ SCHES. Phaklon-Verlag. Wien. 1929. Der Verlag, der sich dieses bemerkenswerten, auch in England zu Unrecht vergessenen Mannes angenommen hat und sein Werk nunmehr in deutscher Sprache herausbringt, verdient hohe Anerkennung. Denn Butlers ironische Dialektik, seine Kunst, spröde Probleme in das schmackhaftere Fleisch der Erzählung einzubetten, lohnt dem ernsthafteren Leser reichlich die angewendete Mühe. Die praktische Bemühung, außer dem ästhetischen Effekt auch einen moralischen zu erzielen, erzieherische oder soziale Fragen zu behandeln, ist ja englische Art, vielleicht schon deshalb, weil dort die Gesetze der Konvention eine viel größere Macht haben, als auf dem Kontinent. Das beweist der utopische Roman von Thomas Morus bis zu Wells (auch Butler hat ja mit Anteil an dieser Richtung) und die Gesellschaftssatire von Swift bis zu Bernard Shaw. Aber über diese allgemeine