Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1930)
- Article
- Der chassidische Maler Arthur Bryks
- Date
- 1930-03-01
- Page
- 192 (sequence 1)
- Language
- German
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Der cJiassidiscJie T^Ialer Artkur Bryks In wunderbarer Unbeirrtheit hat sich der junge, seil einem Jahrzehnt im Tessin lebende Maler Arlur Bryks*) die Seelenverfassung bewahrt, die er sieh aus der generationenalten Tradition seines Elternhauses im russischpolnischen Osten seinerzeit mitgebracht hat. Aus dem Formgefühl unserer Zeil fügt sich ihm zwar seine Linienführung, die er virtuos bis zur äußersten Vereinfachung, ja bis zur Abstraktion zu treiben versteht. Aber der seelische Gehalt seiner Bilder taucht in ein Fühlen, wie es in unserer lauten, unfromm betriebsamen, besessen nach außen lebenden Epoche nur mehr wie ein schwacher unterirdischer Strom dahinsickert. Der glutvollen Innerlichkeit, der ekstatischen Weltandächtigkeit. der mystischen Gottvcrbundenheit ist er entnommen, in deren Licht die ,,Eingeweihten" aller Völker und Zeiten gelebt haben und deren jüdische, im Mittelalter erblühte, aber bis in unsere Tage neue Knospen ansetzende Ausdrucksform der Chassidismus ist. Von wenigen Bildern abgesehen, die übergangsstufen seiner künstlerischen Entwicklung darstellen, versetzen uns alle seine Schöpfungen in eine stille, von heiliger Meditation und kosmischer Ergriffenheit oder leidenschaftlichem Golteskämpfertum erfüllte Welt — am stärksten naturgemäß seine Gestalten aus dem Beth ha Midrasch. Aber auch seine Bilder und Zeichnungen, in denen er wie in seinen Porträts an die geheimnisvolle Erscheinungswelt des Individuums rührt oder in denen er das Mysterium der Beziehungen des Ich zum Du — mit eines seiner bevorzugtesten Motive — leise zum Tönen bringt, durchzieht die Bewußtheit von der Traumhaftigkeit und Rätselhaftigkeit des Seins in sinnender Demut und verklärt die Empfindungen des Liebenden zur Geliebten, der Mutter zum Kind, der schwesterlichen Zuneigung von Frauen zueinander mit einer Süße, Zartheit und Milde, die nur einer so vergeistigten Haltung zum Leben, wie es die des Chassiden ist, zu entspringen ver- *) Geb. IS91 im Dorfe Falkow hei Eadora. mag. Und stellt er schließlich die Bäume, die Berge, die Straßen, die ndgewachsenc Architektur des Tessin in ihrer gottseligen Schönheil dar, so ist es. als segne ein Verzückter, ein frommer Chassid. mit seinen Dankgebeten die Natur. Ursprünglich zum Rabbiner bestimmt und in versonnener Dorfabgeschiedenheit das Leben eines jungen Gotterwählten mit inbrünstiger Hingabe führend', packt den Achtzehnjährigen die echt chassidische Sehnsucht mich einem vielseitigeren Dienst an Gott, nach einer allseitigen Kenntnis von Gottes reicher Schöpfung. Um ein welllicher Sänger zu werden, entweicht er auf abenteuerliche Weise dem Elternhause und macht sich auf nach Amerika, bleibt jedoch in Basel stecken und erlebt nun hier, überwältigt und in ungeahnter Fülle, aber mit reifer und schöpferischer Seele alle Sinneiischönheil, die die Welt zu vergeben und die die Kunst in einer zweiten OfTenbarung neu zu schallen vermag. Die gestaltete Form, die in Farben erschimmernde gegenständliche Welt, erscheint ihm nun gegenüber dem abstrakten Reich rein religiöser, ja selbst musikalischer Kultur als die wahre Erfüllung des geistigen Urtriebs der Well, als dessen eigentliche Erlösung, als (1er letzte Sinn des göttlichen Wortes — um ihre Beherrschung aber zu ringen als die prieslerlichste Aufgabe. Völlig Autodidakt, entdeckt er in sich überstürzendem Tempo die Gesetze der Gestaltung in Malerei und Skulptur und seine sich so eigenartig abhebenden künstlerischen Äußerungen erzwingen sich bald Beachtung auf Ausstellungen in der Schweiz und in Holland. Unter den zeitgenössischen jüdischen Künstlern sollte man Arthur Bryks mit an eisler Stelle nennen, denn kaum ein anderer hat in unseren Tagen jüdische Seelenkullur in solcher Verfeinerung und Abgeklärtheit hineingetragen in das dämonische Chaos modernen Kunst ringens. Dr. Nadja Stein.