Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1930)
- Article
- Das Wunder
- Date
- 1930-03-01
- Page
- Seite 189 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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D A S W U N D E H 189 (hiß seit, zehn Jahren kein Frauenfuß die Schwelle dieses Häuschens betreten hatte. Vor zehn Jahren war Kazdas Frau gestorben, die Kinder waren alle in der Welt draußen, und er lebte allein in dem Häuschen sein Einsiedlerleben. Beide Fensterchen der Stube standen weit ollen, im Innern herrschte angenehme Kühle. Der Großvater setzte sich au den Tisch, und Kazda fragte: „Ist's wahr, Junge, daß du nach K ö n i g g r ä t z ü b e r s i e d eist?4 4 ..Jawohl", bestätigte traurig der Großvater. „Du bist ein Narr," schalt Kazda. „hast dein schönes Auskommen, sitzest im eigenen Haus, hast im Winter gut warm, im Sommer kühlen Schatten, warum ziehst du fort?" „Die Kinder, du weißt ja . . .," erklärte der Großvater. .,es geht ihnen gut, und sie haben so viel Verstand, nicht einmal ein Doktor ist in unserm Ort, sagen sie." „Wozu ein Doktor! Bist du denn krank?" fragte Kazda. „Das nicht, aber ich könnte krank werden, meinen die Kinder." „Könnlest! Warum könntest du nicht? Schuhleisten können Junge kriegen, wenn Gott ein Wunder tun wollte, und du willst dir, weil du vielleicht in zehn oder fünfzehn Jahren eine oder zwei Wochen marodieren könntest, dein ganzes Leben verderben9" ,.Du hast ja recht," meinte zustimmend der Großvater, ..solange mich der liebe Gott mit der Großmutter hier beisammen läßt..." „Mit dem lieben Gott hat niemand einen Kontrakt geschlossen." sprach Kazda, „mein Mutterl hat mir der liebe Gott vor zehn Jahren genommen, und ich habe deshalb mit ihm keinen Prozeß geführt. Damals haben mir meine Kinder auch zugeredet: .Komm, Vaterl, wir werden dich auf Händen tragen.' Es sind brave Kinder, und es geht ihnen gut, ich gebe aber nichts auf Worte. Gott will und der Teufel will nicht! Ich bin mein eigener Herr, lebe so seit zehn Jahren und fühle mich sehr wohl dabei. Ich koche was mir schmeckt . . ." „Gerade mit dem Kochen dürfte man sein liebes Kreuz haben", meinte der Großvater. „Keine Ahnung." versicherte Kazda. „anfangs verpatzt man wohl manches — aber das geht doch niemand was an — und mit der Zeit erlernt man alles. Mir kommt keine Köchin gleich, und wenn du willst, koch' ich dir einen Kaifee, wie ihn noch kein Monarch getrunken hat." „Und wie steht's mit dem Aufräumen?" forschte der Großvater weiter. „Mit dem Aufräumen? Das sind Flausen. Am Samstag scheuerst du den Fußboden ..."