Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1930)
- Article
- Franz Werfel: Barbara oder die Frömmigkeit [Rezension]
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 103 (sequence 2)
- Language
- German
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B I B L I O G R A P H 1 K unlrcu geworden wäre; auch nicht in dem vorliegenden Werke, dem Versuch, den großen Erziehungs- oder Entwicklungsroman zu schreiben, der nun einmal bei uns als die Krönung aller Prosa gilt. Um es vorweg zu nehmen: der Versuch ist nicht in allen Teilen gelungen. Wenn es richtig ist. was Willy Maas in der Literarischen Well." sagte, daß nämlich das ..Gedenken" die Grundlage dieses Werkes sei. so ist die Konzeption falsch: ..Gedenken" ist ein lyrisches Element in der Prosa, oder das. woraus sich das Pathos der großen epischen Heldengedichte formt. Tm Roman ist es nur als Unterslrömung. sozusagen als leises persönliches Aroma möglich, elwa wie der Duft von Blumen, die im Nebenzimmer stellen, in den Raum eindringt, in dem sich die Geschehnisse abspielen. Denn wie das Drama verlangt auch der Roman vor allem Handlung: nicht die hastige, expressionistische, die im Gegensatz zur lähmenden Langsamkeil der psychologischen Romane eine Zeillang in Mode war, die das Tempo heizt und den Ereignissen vorausrennl, bis sie. man könnte sagen, an galoppierender Schwindsucht verendet, auch die sachliche nicht, die zu unbeteiligt ist und seelisch leerläuft, sondern jene undefinierbar begnadete Handlung, die nicht zu schnell und nicht zu langsam vorwärlsschreilel. welche die Kraft der grollen Romanschreiber voraussetzt, zugleich in und über der Erzählung zu stehen, Geschichte in den Raum zu setzen, wie Göll die Welt erschuf. Von diesem Maßstab gesehen, versagt Werfet. Freilich, es geschieht genug: Krieg, Revolution, vieles wird sichtbar, manches sehr gut gestaltet. Aber der Handlung fehlt die Gegenhandlung, aus denen sich das Ganze des Romans zusammensetzen sollte. Nicht umsonst spielt Barbara, die alte Dienstmagd, nur im ersten, dem gelungensten Teil des Werkes, eine größere Rolle. ..Frömmigkeit", ..Gedenken" kann nur Symbol sein. Der Held aber ist unheldisch und kann der Dialektik, mit der eine zugrunde gehende Welt mit sich selbst fertig zu werden versucht, nichts entgegensetzen. Nun ist es ja richlig. daß Hans Gaslorp in Manns ..Zauberberg" ähnlich unbeteiligt neben den Dialogen einhergeht. Doch dort hat das ..Gedenken4' keinen Plalz, viel mehr .aber die Ironie. Ironie sehalVl Distanz, und das Distanzlose ist der Prosa feindlich. Auch im Stilistischen ist dieser Bruch verspürbar. Alles in allem mag man das Buch Werfcls ids Ühcrgangsbuch werten. IC. WaldiiKjvr. LESTER LOHEN: DIE PARDWAVS. Deutsche Verlagsanslall. Stuttgart. Die Wiege der amerikanischen Bourgeoisie, jener, die sieh hundertprozentig nennt, stand in den Farmerhäusern des Ostens. Hier erlebte der erste Pardway, der Schmied, kraft eigener Arbeit kurze Blüte einer industriellen Macht. Kein Nachfolger erstand ihm in seineu Söhnen. Das gleiche Schicksal widerfährt seinen Enkeln, den Brüdern Pardway. die in der Konjunktur des wirtschaftlichen Aufstieges nach dem Sezessionskriege bedenkenlos Reichtum und wirtschaftliche Macht sich erkämpfen. So rasch der Aufstieg, so hart diese Naturen, so rasch die Degeneration und die Verweichlichung der zweiten Generation. Der ..große Bär", der Schrecken der Ge treidebürse. endet sein Leben im letzten Kampfe um die Herrschaft über den Weizen und müde verzweifelnd an sich und seiner Nachkommenschaft muß der Warenhauskönig die Insignien der Macht, die Aktien des Großkaufhauses in die Hände des durch Arbeit und Ingenium berufenen Nachfolgers, des eingewanderten Juden legen. 110. ARNOLD ZWEIG. HERKUNFT UND ZU¬ KUNFT. Phaidon-Verlag. Wien. Tu zwei wohlpointierlen Essays, .,Das ostjüdische Antlitz" und ..Das neue Kanaan", lebt der Jude, blickt uns entgegen, treuherzig und verlräumt, aus den menschenfernen Siedlungen des Ostens, stark und opferbereit auf dem durch Schweiß und Blut neu errungenen Boden der Väter fußend. Auch dieses Buch soll zum großen Ziele helfen, der Lösung des Schicksals des Wandernden durch Aufrüttlung des Gewissens der