Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1930-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1930) · p. Seite 94

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
8 (1930)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1930)
Article
Juden sollen Bauern werden!
Date
1930-01-01
Page
Seite 94 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2912821-2912900-2912902-2924695--08742-2924867
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

94 M E N O R A H Also saßen wir da und heckten Pläne aus, wie wir unsere Hütte schmücken, einen Gemüse- und Obstgarten und einen Wald pflanzen sollten. Wir wollten Vieh- und Geflügelzucht betreiben, mit einem Wort: reich werden, um unsere Eltern aus Rußland und Galizien zu uns nehmen, die Kinder zu tüchtigen Menschen erziehen und ähnliche gute Dinge stiften zu können . . . Wir sprachen bis spät in die Nacht hinein und als wir, aus unseren Träumen erwacht, uns erhoben hatten, die Umgebung zu mustern, bot sich unseren Augen ein prächtiges Bild. Ringsum schimmerten, soweit das Auge reichte, elektrische Funken: Lichter flammten auf und glühten zwischen den Gräsern. Und am Boden lagen goldene Flitter verstreut. Ein stilles Murmeln drang aus den Halmen. Wir waren zutiefst berauscht. Die Angst wich, und wir fühlten uns sicher unter Gottes Schutz und den Reichtümern der Natur.. . Daß es keine Raubtiere gab, wußten wir. Die Indianer, die dieses Gebiet einmal bewohnt hatten, hatten sie verscheucht, und da wir uns sicher, wenn auch etwas einsam fühlten, legten wir einige Blechstücke quer vor die Hütte und schliefen die erste Nacht zufrieden auf unserem eigenen Boden. Nun kam der Sabbatmorgen. Feuer durfte man nicht machen, und meine Frau, die ein Kind stillen mußte, hätte gerne ein Glas Tee getrunken. Ich wollte meinem Sohn erlauben, Feuer zu machen, aber meine Frau, die streng orthodox ist, gestattete es nicht. ,,Wir dürfen den Kindern keine Handhabe geben, den Sabbat zu entweihen!" forderte sie. Damals hatten wrir fast den ganzen Tag gefastet, den Kindern gaben wir in Wasser aufgeweichten, mit dunklem Staubzucker bestreuten Zwieback und wir selbst fanden an unseren goldenen Träumen Nahrung.. . Aber nach Sabbatausgang wurden einige Kilo Fleisch gebraten und wir aßen uns satt und tranken Tee dazu. Sonntag gingen wir an die Arbeit. Die Pfeiler der Hütte waren genau abgemessen und paßten gut; Schrauben und Nägel hatten wir in Hülle und Fülle, so daß die Blechhütte rasch fertig dastand. Den Blecheimer banden wir an einen Strick und richteten auch den Brunnen her, damit Wasser geschöpft werden kann. Auf diese Art und Weise wurden wir selbständig. (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.