Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 8 (1930)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1930)
- Article
- Über einen jüdischen Humanismus
- Date
- 1930-01-01
- Page
- Seite 19 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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ÜBER EINEN JÜDISCHEN HUMANISMUS 19 die Vertiefung in die jüdische Kultur ais Weg zur Erwerbung der humanistischen Einstellung von besonderem Vorteil. Weil es die Erfahrungen seines eigenen Volkes, weil sie sich bis auf den heutigen Tag fortsetzen, weil er selbst, wie fern vom Jude-Sein er auch zu sein glaubt, Fragmente miterlebt und daran als an einem lebendigen Ding und nicht als an einer Buch-Dokumenten- und Denkmälerangeiegenheit teilgenommen hat, aus allen diesen Gründen kann der Jude rascher und mit mehr Verständnis in die Erfahrungen der jüdischen Vergangenheit eindringen. Dies ist nicht Sache der Logik; jeder Jude kann es als lebendiges, glühendes Erlebnis an sich erfahren. Angenommen, daß er griechische Kultur studiert und auf das Wort ,.Sophrosyne4i (sehr wichtig für die Griechen!) stößt. Man übersetzt es als Besonnenheit, Selbstbeherrschung und dgl. m. Wenn er all das verstanden hat. dann hat er kaum eine verstandesmäßige Etikette gewonnen. Es schwingt nicht, es kann nicht lebendig schwingen. Doch angenommen, daß dieser Jude beim Studium der jüdischen Geschichte dem Worte Rischus begegnet. Da braucht er wirklich kein Wörterbuch, die Bedeutung pocht voll Leben in seinen Adern. Es ist auch gar keine Frage von Definitionen und Wörtern; durch seine eigene Erfahrung ist der Jude besser, wenn auch mangelhaft, ausgestattet, um von innen heraus, als lebendiges Feuer, die Leitmotive der jüdischen Geschichte zu verstehen; eher als jene der chinesischen oder der meisten anderen Geschichten. Der Schrei nach Gerechtigkeit, die Suche nach sozialem Ausgleich, der Sinn für internationale Vereinigung und die Hoffnung, daß sie schließlich höher gestellt werden wird als die kleinen Patriotismen und doch ganz nah daneben glühendes Pflichtbewußtsein einer Gruppe gegenüber — all das ist, wenn auch unvollständig, in eines jeden Juden persönlichem Leben vorhanden. Wenn er diesen humanisierenden Elementen in der jüdischen Kultur begegnet, dann ist es für ihn nicht etwas Fremdes, das er, so gut es geht, zu verdauen sucht, sondern etwas Vertrautes, das nur zur volleren Blüte bringt, was schon in ihm lebt. Ein Jude, der. statt anderswo, den Humanismus in der jüdischen Erfahrung sucht, hat ein mächtiges Vor. Autorisierte Übersetzung aus dem Amerikanischen von A. Gottlieb