Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1929)
- Article
- Der heutige Roman [Rezension]
- Date
- 1929-11-01
- Page
- 640 (sequence 1)
- Language
- German
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„DER HEUTIGE ROMAN" Unter diesem Titel veröffentlicht der Verlag Paul Lisi in Leipzig eine stattliche Reihe interessanter Neuerscheinungen auf dem Gebiete der erzählenden Literatur. Diese Sammlung ist nicht nur erwähnenswert, weil der Verlag es versteht, wirklich Werlvolles aus der neuesten Wellliteratur zu bringen, die Bände verdienen auch wegen ihrer buch technisch und ästhetisch hochstehenden Ausstaltung Beachtung. Sie werden dem Bücherliebhaber eine willkommene Bereicherung der Bibliothek bedeuten. In dieser Reihe sind unter anderen bisher erschienen: LUDWIG LEWISOHN: DAS ERBE IM BLUT. Über die englische Ausgabe dieses Romanes, der unter dem Titel ,.The Island wilhin" erschien, haben wir bereits ausführlich berichtet und auch einzelne Kapitel veröffentlicht (Tobias Leuy, Der Besiegte; Nr. / und 12, VI. Jg.). Der Roman ist einer der besten, die in den letzten Jahren dem jüdischen Problem gewidmet wurden. AXEL EGGEBRECHT: LEBEN EINER PRIN¬ ZESSIN. Eine Hochgeborene von seltener Begabung, Sprößling aus französischer Herrscherfamilie und von talarischen, aus Dschingis- Khans Zelt stammenden Ahnen, erstickend in der dumpfen Atmosphäre der russischen Adelsgesellschaft, wird befreit und flieht aus Rußland, um eine Beule der inlernalionalen Finanzmaschine, der seelenlosen Kultur der Jahrhundertwende zu werden. Der Wellkrieg lindet sie wieder in Rußland, wo sie vergeblich versucht hat, durch restlose Ausnutzung der kapitalistischen Machlmethoden ein eigenes Reich zu zimmern. Von der Höhe ihres eiskalten M ach Ib e w u ß t se i n s h e r ab geschleudert, durch die Revolution entthront und verarmt, wird ihr in einer untergeordneten Stellung der Seelenfriede beschert, den keine Machterinnerung mehr stören kann. Das Buch ist slark in der Erzählung, von der dramatischen Energie seiner Generalion erfüllt, die den Umsturz des Wellkrieges miterlebte und aus der Umwertung der Werte den Weg zur epischen Darstellung fand. RADCLYEFE HALL: QUELL DER EIN¬ SAMKEIT. Die begable englische Autorin wagl sich in diesem tapferen Buche an einen in ihrer Heimat nicht ungewöhnlichen Typus heran, dessen Beziehungen zu der feindselig gegenüberstehenden Gesellschaft ein schwierig zu lösendes Problem der menschlichen Gemeinschaft darstellt. Nichts wird hier verkleinert nichts grundlos verherrlicht. Menschenlos und Menschenleid wird frei von jeder Voreingenommenheit und ohne Sensation geschildert. Der Wunsch, zu verstehen und mi! verstehen der Güle den Dingen nachzugehen, spricht aus jeder Zeile dieses Buches, das man nicht ohne Gefühl der Teilnahme aus der Hand legen kann. Jos. RALPH H. MOTTRAM: DER „SPANISCHE PACHTHOF". Eine Roman-Trilogic 1914 bis 1918, Insel-Verlag, Leipzig 1929. Thomas Mann hat irgendwo in seinen „Betrachtungen eines Unpolitischen" behauptet, seine Romane seien gar keine Romane; die Romanform — und dies liegt schon in ihrem Namen, der auf die romanische Rasse hindeutet — schließt eine gewisse Bändigung der Fülle, eine Knappheit der Handlung und Versieht in der Auswahl, eine kristallene Rundung der Schilderung in sich, die das Kennzeichen der französischen Meislerromane ist und sich sehr wesentlich von jener romantischen Art der Weltanschauungs- und Enlwicklungsbücher unterscheidet, wie sie seit Goethes „Wilhelm Meister" vielfach entstanden sind. Diese Romane, oft mammuthaft angelegt, kompliziert in der Schichtung der