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Menorah · 1929-11-01 · Heft 11-12 (November 1929) · p. Seite 598

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
7 (1929)
Issue
Heft 11-12 (November 1929)
Article
Chaim Soutin
Date
1929-11-01
Page
Seite 598 (sequence 2)
Language
German
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598 MENORAH same Kind heimgesucht haben, daß es in diesem engen farblosen Ghetto, wo nichts ihm die Macht, ja selbst die Möglichkeit einer Malerei nahebringen konnte, von der Gier erfaßt wurde, zu malen? Wieviel muß der kleine Bub gelitten haben, wenn er endlich, nach vielen vergeblichen Bitten, den gefahrvollen Plan faßle, zu Hause etwas zu stehlen, um sich für den Erlös die ersehnten Farben kaufen zu können? Er wagte den Schritt. Windelweich geschlagen, wurde dann der „mißratene Sohn" aus dem Hause gejagt. Von der Mutter begnadigt, durfte er fernerhin im Keller der väterlichen Wohnung versteckt hausen und aß einmal täglich, wenn ihm abends die Mutter verstohlen übriggebliebene Krumen brachte. Doch hatte er nun seine Stifte und konnte malen. Allerdings nicht ohne dabei sein Leben zu gefährden. Püffe und Schläge setzte es oft. Und als er einmal einen angesehenen Bürger um die Gnade bat, ihn porträtieren zu dürfen, und, vor Freude zitternd, zur gewährten Sitzung kam, da wurde er von den Söhnen des Modells überfallen und für diese „freche Anmaßung" blutig geschlagen. So, daß er ins Spital mußte. Die Mutter drohte mit einer gerichtlichen Klage und da geschah das Wunder. Der alte Mann zahlte Schadenersatz und der kleine Sutin hatte Geld. Eigenes Geld. Es war erbärmlich wenig. Doch genug, um nach Wilna, in die Hauptstadt, fahren zu können. Und dort winkte die Freiheit. Was nun folgt, ist das bekannte Liod vom armen Künstler. Kunstgewerbeschule. Lehrer, die das originelle Talent nicht zu behandeln wissen. Enttäuschung. Entbehrung. Hunger. In schwerster Stunde — ein unvermuteter Retter. Und dann Paris, die ersehnte, lockende Ferne. Hier wieder: grimmige Not, gemildert durch die reichen Anregungen der Kunstmelropole, fieberhafte Arbeit, endlich — Erfolg. Ein Lebensweg, dessen sämtliche Wendepunkte ebenso viele Leidensstationen sind. Alles in allem eine alte Geschichte. Neu ist an ihr aber die grauenvolle Einzelheit, daß es ein 14jähriges Kind war, das in Wilna eine ganze Nacht vor dem Tor der Schule auf Einlaß wartete, wohl wissend, daß sein Schicksal auf dem Spiele steht. Und noch furchtbarer, vielleicht gewiß noch ungewöhnlicher, daß die Aufnahme, um die das Kind bangte, ihm nicht nur den Anfang eines Weges bedeutete, sondern selbst schon ein Höhepunkt war, der Preis eines langjährigen Martyriums. * Eine freundliche Landschaft malte einst Sutin, auf der Häuser mit lustigen roten Ziegeldächern zu einer friedlichen Siedlung sich fanden, von blühenden Wiesen und lieblichen Bäumen umgeben. Doch barst ganz unten an kleiner Stelle die obere Schicht der Erde. Wie Kartenhäuser fällt das Städtchen auseinander und die blühenden Bäume weichen gebrochen zur Seite. Aus dem Innern quillt Feuer. Rot. Doch rot von einer Farbe wie junges Blut, wie brennende, frische Wunden, wie flüssiges Eisen. Die Dächer der umgestürzten Häuser sehen daneben fahl aus. Jenes heiße, zuckende Rot beherrscht alles. Dieses Bild ist der Prototyp aller Werke Sulins. Nicht nur die Quintessenz ihres Gehaltes, auch das Symbol seines Schaffens. Es barst eben die Kruste von Verboten und Hemmungen, die im Ghettomenschen so lange die Farbe gefangen hielt, und wie eine Lava aus geöffnetem Vulkan ergießt sich der mächtige Farbenstrom. Heiß, aus dem Innersten kommend, fließt er nicht eingedämmt, staut sich zu Wirbeln, bildet Strudel und rennt alles um, was ihm in den Weg kommt. So sind Sutins Bilder. Wogen von wundervollen Farben, mächtig an Leuchtkraft und Tiefe, fluten durch ihre Fläche. Von der Form bleibt gerade nur soviel übrig, wievieL der Strom, der um sie wogt, verschont hat, und man muß es sagen, oft ist gar vieles weggefegt und was bestehen blieb, ist schlaft* und zerzaust zum Erbarmten. Zuweilen steigert sich seine Kunst zu mächtigen Visionen. Die einfache Straße, an

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