Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1929)
- Article
- An der Brücke
- Date
- 1929-09-01
- Page
- Seite 479 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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AN DER BRÜCKE 479 Seine Anwesenheit spürend, nahmen die vielen hundert Arbeiter alle ihre Kraft zusammen. Der Platz wogte vor Bewegung. Major Meyer schmunzelte befriedigt. Schon war er daran, mit der Reitgerte auf die hohen Stiefelschäfte zu schlagen und anzufeuern: „Vorwärts, Leute!" da aber erblickte er etwas Sonderbares: Auf der Brücke ging irgend ein Lastträger und bemerkte den Major gar nicht, so sehr schien er in die Arbeit vertieft. Meyer hielt einen Augenblick. Er liebte es nicht, unbemerkt zu bleiben. Das war er nicht gewöhnt. Sooft er sich zeigte, fühlten es nicht nur die Menschen, sondern auch die Maschinen, ja selbst das Wasser wußte davon. Er warf einen Blick auf den Mann, der einen Balken schleppte, und seine rote Fratze schnitt eine Grimasse. Major Meyer erkannte ihn. Das war ja derselbe! Er verzog eine Weile seine stahlblauen Augäpfel, als wollte er sich erinnern, und lächelte breit. „Freie Profession, ja, ja", kam es ihm in den Sinn. Er wrinkte einem Arbeiter, der in seiner Nähe stand und Balken schichtete. „Mach Beine, Dummkopf!" Der Arbeiter lief pfeilgeschwind herbei, hörte sich den Auftrag an, lud dann vorsichtig einen kleinen Balken auf die Schulter, legte ihn leise quer über den Weg, den Lerner passieren mußte, und sah mit hündischer Unterwürfigkeit zum Major auf, ob ihm sein Werk gefalle. Alle Leute am Brückenbau hielten den Atem an. „Wird es dieses Nilpferd merken, welcher Streich ihm gespielt wird?" Alle harren gespannt Major Meyer selbst schleicht sich verstohlen in eine Ecke und sieht zu. Einige hundert Augen richten sich auf Lerner, er aber merkt es nicht, zieht und zieht den Klotz und schreitet mit starren Augen immer weiter und weiter. Schon steht er zehn Schritte vor dem quergelegten Balken; fünf, drei, nur noch einen einzigen. Sieh da, er hält gar, scheint auszuweichen, und plötzlich plumps! Er stolpert über den Balken und fällt kopfüber. Er greift mit den Händen ins Leere, will sich an etwas klammern, sich erheben, aber der Klotz im Wasser reißt ihn mit und zieht ihn am Seil in den Fluß hinein. Major Me}rer lacht. Seine rote Fratze schüttelt sich. Aus seinem Halse kollert dichtes, heiseres Gelächter: ,,Gha—cha—cha, Gott! ..." Und die Brücke, die Menschen, die Maschinen, das Eisen und selbst das Wasser lacht mit.