Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 7-8 (Juli 1929)
- Article
- Moses Kisling
- Date
- 1929-07-01
- Page
- Seite 429 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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UNSERE ZEIT 429 seiner Malweise nach gelten wollte, sind all diese Dinge zu selbstverständlich, um ihn zu rühren. Die pathetischen Töne der neuesten Werke klingen auch wirklich viel zu glatt, um nicht hohl zu wirken. Kunstvoll und harmonisch gefügt, bezaubern sie im ersten Augenblick. Bald aber merkt man die entseelte Phrase. Kisling hat ein großes Talent und reiche Kenntnisse stehen ihm zur Verfügung. Damit er wieder, wie früher, da das Urerlebnis seiner Jugend in ihm lebendig war, nicht effektvolle Bilder, sondern gehaltvolle Kunstwerke schafft, fehlt nicht die Ausdruckskraft, sondern das starke Gefühl, das zum Ausdruck drängt; denn wahre Kunst ist nur eines Ergriffenen Kunst. Die innere Erneuerung, deren er bedarf, ist ihm zu wünschen. Glücklicherweise ist sie ihm auch völlig zuzumuten. Denn noch immer ist er jung, impulsiv und voll unverbrauchter Energie. Aurelie Gottlieb. UNSERE ZEIT Der politische Zionismus seit Theodor Herzl Von Leo Goldhammer Anläßlich der 25. Wiederkehr des Todestages Theodor Herzls Theodor Herzl hatte in acht kurzen Jahren eine politische Konzeption zu verwirklichen gesucht, die unerhört neu war. Niemals zuvor war der Versuch gemacht worden, ein Volksproblem von solch komplizierter Art zu einer formal-politischen Lösung zu bringen. Herzl sah eine dissoziierte Masse vor sich, der durch ihre stete geradezu historisch gewordene Stellung als Minderheit nicht einmal mehr begrifflich der Name Volk gegeben werden konnte, und unternahm es. dieser Masse den Willen zu einer Volkswerdung aufzuzwingen. Das Hovens für solches Ziel war für ihn die tatsächlich gegebene Juden not, also jener abnormale Zustand in der wirtschaftlichen und sozialen Gliederung der Judenmasse, verstärkt durch die Unmöglichkeit, diesem Zustande in der dauernden Existenz als Minderheit ein Ende zu setzen. Es galt nun für ihn, dieses in jeder Hinsicht dissoziierte Element zu einer einheitlichen Bewegung zu bringen, der er Richtung gab durch den Hinweis auf den Bode n, mit dem jeder Mensch über die Einzelgeneration hinausgehend verbunden bleiben muß, später durch den Hinweis auf den historisch, durch die Tradition als e i g e n g e h ö r i g gefühlten Boden, auf das Land E r e z Israel. Diese Konzepiion. für welche Zangwill den Satz geprägt hat: „Gebt dem Volk ohne Land das Land ohne Volk" war gewaltig. Sie ist auch seither aus dem jüdischen Leben nicht nur nicht verschwunden, sondern kann auch nicht mehr daraus weggedacht werden. Aber die Durchführung, die Verwirklichung dieser politischen These, an die Herzl eine geradezu tragisch große Energie verwendete, war in der rein formalen Art, wie sie entworfen war, nicht möglich. Die Gründe lagen darin, daß die Voraussetzungen für den von Herzl visionär geschaulen Massenaufbruch nicht gegeben waren. Denn die dissoziierte, durch die abnormalen wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse in der Gliederung sowohl, als auch durch den Zwang von außen her zermürbte Volksmasse war einer elementar wirkenden Willensbildung noch nicht fähig und mußte erst dazu gebracht wrerden. Als Herzl starb, schien es, daß seine große staatspolitische Vision nie ein reelles Gegenbild erhallen würde. Doch was geschah? In kaum 15 Jahren wurden durch eine Arbei t, die Herzls geradezu u n u mstößliche theoretische Formel verwendete, indem sie sie sozusagen auf das tägliche Judenleben anwendete, jene Vorbedingungen geschaffen, welche das Herzische Ziel der Verwirklichung näherbrachten. Die Balfour-Deklaration des Jahres 1917 hatte die politische Konzeption Herzls wieder aufgenommen unter der Voraussetzung, daß die Willensbildung des Judenvolkes genügend stark sei, um die These zu realisieren. Dazu konnten die Initiatoren dieser Deklaration