Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1929)
- Article
- Wochenende in Jericho
- Date
- 1929-05-01
- Page
- Seite 300 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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300 MENORAH suchen. Aber Erholung, Zerstreuung — die sind schon schwerer zu (inden. Im Sommer kann man nach Kubeibe, ein paar Kilometer im Norden der Stadt. Man erreicht es im Auto oder auf dem Esel. Es ist ein reizendes Gartendorf, von deutschen Templern auf dem Fleck gegründet, wo sie das Emmäus des Neuen Testaments suchen. Während man sich durch die Hügel windet, stößt; man auf winzige arabische Dörfchen, die man von der Landstraße aus gar nicht zu Gesicht bekommt. Da steht ein Feigenbaum, mitten in einem kleinen Fleckchen Erde, das sorgfältig von Steinen befreit wurde. Sein Erträgnis ist im Budget des Dorfes von größter Wichtigkeit, er stellt einen ganzen Obstgarten vor. Dort bietet eine kleine Baumgruppe Schutz vor der blendenden Sonne, dem erbarmungslosen grauweißen Gestein. Eine kleine Baumgruppe, sage ich? Ein herrlicher Hain! Man lernt in Palästina bald neue Wertungen. Aber wir haben uns getäuscht, wenn wir in Kubeibe Zerstreuung zu linden hofften — es sei denn, daß die unwahrscheinliche Zahl der Bäume, das Bunt der Blumen, das viele Grün schon an- und aufregend wirken. Im Winter fährt man nach Jericho. Es ist eine wahre Oase. Nicht auf den Regen ist es angewiesen — es hat wirkliche, lebendige Wasserquellen. Rund umher nichts als nacktester Fels, hüttenlose, leblose Ebene; aber in Jericho hört man das zauberhafte Gurgeln des Wassers, die goldenen Bällchen der Orangen schweben zwischen den lederdicken, dunklen Blättern, und unter den breiten, zerfransten Wedeln der Bananenpalmen, die aussehen wie Elefantenohren, verstecken sich die riesigen Fruchtbüschel. In Jericho gibt es Unterhaltung. Zwar kein Ringelspiel, keine Rutschbahn — aber die Fahrt hinunter in dieses Loch der Welt, mehr als tausend Meter unterhalb Jerusalem gelegen, bietet Aufregung genug. Zwischen Jerusalem und Jericho ist die Wildnis. Das kann man übrigens leicht sagen; sowie man überhaupt aus Jerusalem hinausgeht, ist man auch schon in der Wildnis, es muß nicht gerade der Weg nach Jericho sein. Die Straßen sind zwar heute besser als zur Zeit des David, da ihn Saul suchte und nicht fand, aber die Landschaft, die Davids Getreue das Gruseln lehrte, hat sich nicht verändert. Zunächst sieht man weit ausgebreitet vor sich nichts als die öden, runden Kuppen, wie die Rücken zahlloser Schafe von ungleicher Größe. Schließlich zeigt sich das Tote Meer. Dann senkt sich die Straße tiefer und tiefer, bis hinab zur Seehöhe und von da bis hinab in den Schlund von Jericho. Wir müssen das in einer Stunde machen, und