Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 7 (1929)
- Issue
- Heft 5-6 (Mai 1929)
- Article
- Edmond Fleg
- Date
- 1929-05-01
- Page
- 266 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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EDMOKLD FLEG Von Ludwig Bato Schlendert man an einem müden, duftenden Frühlingsabend, von buntem, wogendem Menschengewühl gedrängt und getrieben durcli die breiten, lichtüberfluteten Boulevards, an dichtbesetzten Cafes vorbei, wähnt man, die Hand an den raschen fieberhaften Pulsschlag einer fröhlichen, leichtbeschwingten Welt gelegt, ihren brodelnd heißen Odem im Gesicht verspürt zu haben. Paris! Auch der sich mit aller Gewalt Sträubende kann sich deinem magischen Zauber, der jeden Besucher in seinen Bannkreis zwingt, nicht entziehen. Kommt man dann in diesem atembeklemmenden Trubel allmählich zur Besinnung und sucht an einem Cafetischchen, noch ganz berauscht vom Gesehenen und Erlebten, seine Gedanken ruhig zu ordnen, da taucht im jüdischen Menschen die Frage auf: „Wo ist hier Judentum? Gibt es in dieser Metropole, die den Menschen betäubt und in der sich die Völker der Erde Stelldichein geben, jüdisches Leben, Menschen, die jüdisch denken und fühlen?" Ich lasse die Jahrhunderte im Fluge an mir vorbeigleiten: Paris, eine alte jüdische Siedlung, genießt schon im Mittelalter hohes Ansehen in der ganzen Diaspora. Der jüdische Marco Polo, Benjamin aus Tudela, berichtet am Ende seiner Weltfahrt 1173, in Paris eine Schar berühmter Männer, hochgelahrt in jüdischem Wissen, die „sich Tag und Nacht mit der Thora befassen", vorgefunden zu haben. Und in der Tat hat diese Stadt eine führende Rolle in der geistigen Welt der Judenheit inne. Bedeutende Rabbinen in deutschen Landen, wie Rabbi Meir aus Rothenburg und Rabbi Baruch ben Meir aus Wien sitzen in ihrer Jugend zu Füßen der Meister in Paris. Dann erhellen blutrot dahinleuchtende Flammen den Horizont der Stadt; sechzehn Wagen voller Thora- und Talmudhandschriften werden öffentlich verbrannt. Wieviel Roheit und Barbarei steckt nur in dieser Tat! Nach den Büchern kommen alsdann die Menschen dran: im Jahre 1306 werden die Juden samt und sonders aus Frankreich vertrieben. Erst nach fünfhundert Jahren öffnet die Revolution der Judenschaft wieder die Tore von Paris, das von neuem ein wichtiger Punkt der jüdischen Diaspora wird. Den ersten Auftakt zum neunzehnten Jahrhundert, das in seinen jüdischen Geschehnissen so abwechslungsreich ist wie eine Berg- und Talbahn, gibt das von Napoleon eingesetzte Synhedrion. Es bedeutet eine Niederung, denn es