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Menorah · 1929-02-01 · Heft 2 (Februar 1929) · p. Seite 68

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
7 (1929)
Issue
Heft 2 (Februar 1929)
Article
Lessing und Mendelssohn
Date
1929-02-01
Page
Seite 68 (sequence 2)
Language
German
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68 MENORAH dentum seiner Zeit verkörpert und vergeistigt. Der gekrümmte, gebeugte Rücken, der schwächliche Körper — sie waren das Sinnblid des unterdrückten, geknechteten Volkes. Aber die Denkerstirne und der leidvolle Blick — die Seele des Judentums — sie siegten über die Knechtsgestalt des Körpers. Neben der gesunden, kräftigen, schönen, frei und unerschrocken in die Welt hinausblickenden Heldengestalt Lessings — wie sie die Meisterhand Rietschels für alle Zeiten verewigt hat — „ein Jüngling wie ein Mann" — der leidende, verwachsene, schüchterne Mendelssohn — auch das ward zum Sinnbild. Lessing ermutigte Mendelssohn: Ihn, der mühsam deutsche und englische Bildung sich angeeignet, der auf den Schultern des Maimonides eingetreten war in das gelobte Land der Philosophie — machte Lessing erst zum Schriftsteller. Mendelssohns Brief über das Lustspiel „Die Juden" war sein erstes Druckwerk. Ueber ihn schrieb Lessing am 16. Oktober 1754 bei L'ebersendung des Abdruckes an Michaelis: ,,Der Verfasser ist wirklich ein Jude: ein Mensch von etlichen zwanzig Jahren, welcher ohne alle Anweisung in den Sprachen, in der Mathematik, in der Weltweisheit, in der Poesie eine große Stärke erlangt hat. Ich sehe ihn im Voraus als eine Ehre seiner Nation an, wenn ihn anders seine Glaubensgenossen zur Reife kommen lassen, die allezeit ein unglücklicher Verfolgungsgeist wider Leute seinesgleichen getrieben hat. Seine Redlichkeit und sein philosophischer Geist läßt mich ihn im voraus als einen zweiten Spinoza betrachten, dem zur völligen Gleichheit mit dem ersten nichts als seine Irrtümer fehlen werden." Lessing und Mendelssohn brachten täglich die Morgenstunden in gegenseitiger Bildung und Belehrung zu — für Mendelssohn die einzigen der Wissenschaft gewidmeten Tagesstunden. Denn in den übrigen war er als Buchhalter an das Kontor gefesselt. Lessing gab einmal Mendelssohn ein Buch von Shaftesbury. Kurz darauf brachte Mendelssohn es zurück. Lessing frug ihn, wie es ihm gefallen? Mendelssohn erwiderte: recht gut, aber so etwas kann ich auch machen. Lessing forderte ihn dazu auf — kurz darauf brachte ihm Mendelssohn sein Manuskript: „Briefe über die Empfindungen" zur Prüfung. Nach einigen Monaten frug der bescheidene Mendelssohn Lessing, ob er das Manuskript gelesen habe — und da gab ihm Lessing ein Druckexc m - p 1 a r desselben. Er hatte die Arbeit unter Mendelssohns Namen drucken lassen und so den schüchternen Mendelssohn — der die Oeffentlichkeit scheute — in diese hinaus getrieben. Und der Versuch gelang. Die Schrift fand Beifall. Mendelssohn wuchs an Ehren und Ansehen, Klarheit des Stiles und Gediegenheit des Urteiles. Michaelis, sein erster Gegner, erklärte seine „Philosophischen Gespräche" für so angenehm, scharfsinnig und unterhaltend, daß er sie für ein Werk Lessings hielt. Mendelssohn, der keinen klassischen Schulunterricht, überhaupt keine andere, als die einfache, talmudische Vorbildung genossen, ward einer der besten deutschen Schriftsteller. Sein Stil ist noch heute, nach Jahrhunderten fließend. Und das kann man wenigen Schriftstellern jener Zeit nachrühmen. Was er der Literatur geleistet, bedarf hier keiner weiteren Darlegung. Den wesentlichsten Anteil aber daran, daß Mendelssohn diesen Höhepunkt erreicht, hat sein Freundschaftsbund mit Lessing, von dem Nathans Wort nicht galt: „Der große Niann braucht üb er all viel Boden und mehrere, zu nah gepflanzt, zerschlagen sich nur die Aeste". Lessing war ein großer Mann, noch mehr: ein edler Mensch, kein Mittelgut. Auch Mendelssohn — obsehon in anderer Weise und nach anderer Richtung — war als Mensch, wie als Schriftsteller bedeutend. Uns stehen beide gleich groß, gleich bedeutungsvoll da: ein Dioskurenpaar, das uns den Eintritt in das gelobte Land der Gleichberechtigung öffnete."

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