Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 9 (September 1928)
- Article
- Alfred Döblin
- Date
- 1928-09-01
- Page
- Seite 484 (sequence 2)
- Language
- German
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484 M ENORAH keine tote Natur. Der Baum, dessen Leben er schilderl. dampft von dem gleichen Leben wie sein „Wadzck". Aufschluüreich ist diese Fahrt zum jüdischen Volk: vorsichtig belastend, besclinün'elnd, durchleuchtend, Krall und Kräfte begrüßend, den Geist und im Vorübergehen auch das Lied. Nein, ganz nah ist er ihm noch nie-ht. Das jiddische Lied ist ihm mehr noch Frinnerung an Waller von der Vogelweide und die Musik ich linde ihn nur berauschl von den polnischen Geigen —. Die weichen jiddischen Lieder gingen ihm noch vorüber, sonst hätte er wohl nicht gesagt, daü die Polen reicher sind an Gefühl und weicher. Gewaltig aber fühlt er die Kraft: .,daß alles sogenannte Unglück dieses Volk nicht beugt." Gewaltig lernt er das Erlebnis Volk, begreift er das Nationale. Wird sich das jüdische Erlebnis der polnischen Heise auswirken? Vorläufig kam erst der ..M a n a s", d a s E p o s. Geformt, nein geschehen aus Flüstern und Schauen und Musik. Orgelmusik, afrikanische Takle, das Fliegen der Dämonenhundc längt er im Wort. Jeden Abschnitt beginn! eine Zeile, die den lvlanglon angibt. Gewallige Rezilative gibt es, Sleilabfall, Donnern und sanfte Musik der Natur. Ein Mythos: der Mensch, von Dämoner* gelockt, getrieben, gehöhnt und durch sanfte Schönheil erlöst. Der ,,Wang-Lun" gab das asiatische Geschichtsbild — das China einer Epoche lebendig wie die Schauspielergestalten der Netsukien der .,Mauas" aber ist das Lied, der Gesang, Es klingt ungewollt hymnisch, wenn ich von Döblins Werk spreche, aber er ist einer der wenigen unserer Zeil, bei dem man es darf. Ruth Marold. JULJAN TUWIM / DAS JÜDCHEN In Lumpen eingehüllt, ein armer, kleiner Junge, Singt im Hofe ein Lied, Das hat er oft gesungen. Menschen jagten ihn fort. Gott schlug den Sinn ihm blöde. Zeit und Gefangenschaft vermischten seine Rede. Er tanzt, weint, er kratzt sich und lamentiert gar rührend, Daß er ums Brot muß betteln in der Fremde irrend. Der Herr vom ersten Stock schaut hin auf den Verrückten: ,,Sieh, mein armer Bruder, wie mich der Kummer knickte." In eine fremde Welt verschlagen und verloren. Von niemandem geliebt, zum Fremdling auserkoren. Der Herr vom ersten Stock, ein Bruder dir im Wahne, Tanzt mit erhitztem Kopf auf aller Welten Bahnen. Der Herr vom ersten Stock wuchs zu einem Poeten, Er wirft — statt einer Münz* — das Herz hin dem Verdrehten. Er zuirft's durch das Fenster, damit es geht in Scherben. — Damit du es zerstampfst, damit es muß verderben! — Dann ziehn wir weiter fort, und jeder seiner Wege. Auf jene Wanderschaften, traurig und verwegen. Wir finden niemals Ruh im wirren Weitentrubel, Wir, die singenden Juden, wir verrückte Juden. (y4us dem Polnischen von J. Seidmann-Berman.) Tuu-im erhielt ror kurzem den Literaturpreis der Stadt Lodz; es ist. dies die erste derartige Auszeichnung, die einem Juden in Polen zuteil teird.