Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 9 (September 1928)
- Article
- [Alfred Döblin] [Illustration]
- Date
- 1928-09-01
- Page
- 483 (sequence 1)
- Language
- German
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Thot Jella Niclas, Berlin ALFRED DÖBLIN Zum 50jährigen Gehurtstag Dieser Tage wurde Alfred Dublin fünfzig Jahre und man feierte in der Welt der Kunst diesen Tag, nicht um Nekrologe zu reden, sondern weil man den stärksten und lebendigsten unter den Schaffenden der Epoche freudig grüßen wollte. Denn bei Alfred D Ö b l i n sind diese fünfzig Jahre nur ein zufälliger Zeitpunkt innerhalb von Entwicklungen und Gestaltungen von gewaltigem Ausmaß. Alfred Dublin ist ein Zeitloser und gegenwärtigster Mitlebcnder zugleich. Die Quintessenz des jüdischen Daseins in der Menschheitsgeschichte drückt sich nicht anders aus. Zeitlos schwingend mit den Naturkräflcn und gegenwartdurohpulst, biologisch und mit Nerven und Verstand dem lebendigen Jetzt verhaftet, so steht er in jedem Werk vor uns. Wer dieses Werk kennt, der weiß, daß es bei diesem Geburtstagsgruß nicht der landläufige Festenlhusiasmus ist. Die Feier gilt dem mächtigen und vielleicht einzigen Gestalter der Totalität, den unsere zerfaserte Epoche in ihm besitzt. Obwohl der jüdische Mensch und Künstler in seinem Werk nur indirekt zur Geltung kommt, gehört ihm nicht weniger als das ganze Werk. Daß Döblin Jude ist, orientalischer, asiatischer Mensch, führte?.u seiner einzigartigen Durchdringung von N:iturkrul't und Mystik. Wissen und Ordnen und Fühlen, das gesteigerte Fühlen des Arztes, des Biologen, des Zellenmenschen, der zugleich Geistesmensch ist und mit ruhiger Überlegenheit der Realität gegenübersteht und Tatsachen wertet, das alles formte und schul diese gigantische Welt, die Naturwissenschaft. Technik, Mystik, Geist und Fleisch als organisches Werk herausschleuderte. Bindung von der Urwelt bis zur Gegenwart und Gegenwart, wenn er die Menschen des Dreißigjährigen Krieges und ihre Zeit zum Leben bringt. In seinem Reisebueh, der „Reise nach Polen", sehen wir, warum gerade er das kann. Nur der lebendige Mensch interessiert ihn. interessiert ihn am meisten, nicht die ausgestopften im Museum bewahrten Kultur- und Naturreste. Vom Menschen liest er ab. Sein ..Wallensleiri" ist ein moderner Roman, keine Kostümgeschichte; modern sachlich sind die mittelalterlichen Psychosen geschildert und die wirtschaftlichen und politischen Hintergründe. Und es ist ja gleich, woher einer abliest, wenn er Intuition genug hat. das Ganze zu sehen, die Epoche, Die neue Welt mit den Riesensprüngen der Technik mußte mit dem Geist in Einklang gebracht werden. Die Jugend, die im 20. Jahrhundert aufwuchs, in seinem Beginn, fühlte den gigantischen Block. Döblin war der Gigant, der den Alpdruck beseitigte durch menschlich faßbare Formen. Wie Goethe zu den Müttern — auch im ..Manas" klingt Ähnliches an - ging er zu den Elementen, in;dleni. was er sieht und schildert. Auch in der ..Reise in Polen", der Reise des Wiedererkennens und — wer weiß - der künftigen Wiedervereinigung mit seinem latenten Dasein als Jude, selbst in dieser Reise taucht der Elementargrund seiner Kraft auf: der Zusammenhang, der besagt: es gibt