Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1928)
- Article
- Altalena: Richter und Narr [Rezension]
- Date
- 1928-05-01
- Page
- 318 (sequence 1)
- Language
- German
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ALTALENA: RICHTER UND NARR. Verlag Meyer & Jessen, München, 1928. In den Tagen der Richter Israels geschah es, daß in den ägyptischer Gefangenschaft entflohenen Stämmen, zusammengehalten durch das drückende und unheimliche Band einer noch unverstandenen Offenbarung, die ewige Sehnsucht aufloderte, glauben zu können, nicht denken, zu müssen, einen Führer sich zu geben, dem man die Sorge um das Heute und das Morgen anvertrauen könne. Die heiligen Bücher berichten von dem Sohne des Manoa, der gottbegnadet den Angriffen der übermächtigen Philister wehrte; die Legende umrankt mit lebensprühenden Erzählungen seine Heldengestalt und manchen Künstler hat die tragische Liebe des Simson zum Philislerweibe Dalila zu unsterblichen Kunstwerken begeistert. Zur machtvollen Einheit ist die Geschichte Israels, das Geschick des Simson und seine unheilvolle Liebe in diesem Romane gestaltet. Richter ist ein unerbittlicher Mensch, der überall Gerechtigkeit und Wahrheit sucht, urjüdischen Gesetzen folgend, die in seinem Blute rauschen. Narr ist der Zecher auf den philistäischen Gastgelagen, ist Simson-Tajisch. Nicht der Narr eines Weibes, er ist der Narr seiner Träume, seines Glaubens an ein Volk, das noch nicht da ist, dem er seine heiß hinströmende Liebe und die Gewalt seiner übermenschlichen Kraft schenkt, um es zur Einheit zu führen und seine staatenbildende Kraft zu erwecken. Oder ist Simson Richter auf seinen Streifzügen in die philistäischen Städte, wo er den Söhnen einer überfeinerten Erobererkaste das Geheimnis ihrer Macht ablisten wTill und durch eheliche Bindung mit der schönen Semadar einen Schimmer Kultur in die Hütten seiner rohen Stammesgenossen bringen möchte? Ist es der Narr, der nicht die alte Weisheit hören will, daß man alle Menschen steinigen müßte, wollte man nach voller Wahrheit richten und daß sein kleines Menschenschicksal nichts wiegt gegenüber dem Vermächtnis, das Juda in seiner Brust trägt und erfüllen muß in Freud und Leid. Das jüdische Schicksal lebt in den Seiten dieses Buches, es spricht zu uns in der Sprache und in den Gedanken unserer Zeit. Im Banne der fesselnden Erzählung, von dem Manne, den ein Volk liebte, das ihm nicht zugehörte, das ihn blendete und mit ihm unterging, den die Gemeinschaft, der er verbunden wrar, im Selbsterhaltungstriebe dem Feinde überlieferte, von einer sehr zarten Liebe und der Rache der verschmähten Frau, von all den tollen Streichen eines vulkanischen Temperaments und den Listen des Jakobsohnes erleben wir die Geschichte dieser ersten Kolonisation Palästinas, als wäre es gestern gewesen. Gestern? nicht heute? Nur ein Mensch, der begnadet ist, in seinem Worte, in seiner Rede, in eigenes und fremdes Denken visionär einzufühlen, Träumer von einem neuen Erez Jisrael in dem Lande Kanaan, das, unseren Vorvätern verheißen, ein Zionist konnte diesen Roman geschrieben haben, der das Vermächtnis des Helden Simson unseren Söhnen überliefert. N. H. Von ostdeutschen Juden Zwei bemerkenswerte Beiträge zur Familien- und Kulturgeschichte der Juden in den einstigen Ostprovinzen des preußischen Staates sind unlängst auf dem Büchermarkt erschienen. „Abraham Muh r", eine der vorzüglichsten biographischen Arbeiten von Marcus Brann, bereits 1890 zum erstenmal erschienen, erlebt jetzt durch die Pietät späterer Nachkommen eine Neuauflage und eine Erweiterung durch eine über zwei Jahrhunderte hinaufreichende, soziologisch sehr interessante Stammtafel. Branns mit Quellenbelegen stark untermauerter Aufsatz führt in das Oberschlesien der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Hier stand Abraham Muhr in der vordersten Reihe der Kämpfer um die politische und kulturelle Emanzipation der Juden und nahm eine so führende Stellung unter ihnen ein, daß er den Ehrennamen „Oberschlesischer Judenkönig" sich verdiente. Aus der Fülle der Probleme, um deren Lösung es damals ging, sei hier nur hervorgehoben, daß Muhr, ähnlich dem Posener