Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1928-05-01 · Heft 5 (Mai 1928) · p. 314

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
6 (1928)
Issue
Heft 5 (Mai 1928)
Article
Der Aufstieg der Rothschilds
Date
1928-05-01
Page
314 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2912821-2912879-2912885-2922008--06627-2922113
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

DER AUFSTIEG DER ROTHSCHILDS Kaum hat der englische Angriff auf dem Sclilachtfelde von Waterloo Napoleon zum Weichen gebracht, da jagt ein bis dahin fast Unbekannter in einer Extrakalesche die Straße nach Brüssel entlang und von Brüssel ans Meer; stürzt sich dort in ein eben abfahrendes Schilf, achtet nicht des Sturmes und der Mahnungen der Seeleute; fährt nach London, wo er noch vor den Stafetten der Regierung eintrifft. Am nächsten Tage sprengt er mit der ihm allein bekannten Nachricht die Börse; und so begründet Nathan Rothschild unmittelbar nach dem Sturze des Napoleonischen Wellreichs eine neue Weltmacht, die Wellmacht der Rothschilds. Das war die Legende von Waterloo, die bisher in allen oder den meisten Darstellungen der Entwicklung jener neuen Macht zu lesen war. Neuere Forschung hat dieser Legende den Garaus gemacht; und doch bleibt ihr symbolischer Gehalt unvermindert wichtig. Das kürzlich im Insel-Verlage erschienene Buch von Caesar Conte Corti „Der Aufstieg des Hauses Rothschild" (Leipzig 1927), die erste völlig unparteiisch und unter Benutzung eines umfangreichen Aktenmaterials geschriebene Geschichte des Hauses, stellt den tatsächlichen Sachverhalt dar. Aber wenn wir jetzt auch wissen, daß nicht Rothschild selbst, sondern nur einer seiner Agenten in Ostende weilte, dort die erste Zeitungsnachricht über den Ausgang der Schlacht von Waterloo erhaschte und mit dieser ein eben nach London abgehendes Schiff bestieg, so verweht zwar die Romantik, es bleibt die Genialität des Rolhschildschen Schachzuges gewahrt. Denn gerade in diesem ausgedehnten und wohleingerichteten Nachrichtendienst, den die „fünf Brüder Europas", besonders das Genie der Familie, Nathan Rothschild, eingerichtet hatten, bestand zu jener Zeit eines der Geheimnisse ihres Erfolges. Daß wir die Entwicklung jenes gigantischen Erfolges, der den Zeitgenossen fast wie jener Wunderbaum des Propheten Jona erschien, der über Nacht emporwuchs aus unbekanntem Samen, jetzt deutlicher sehen, das verdanken wir neben den älteren Arbeiten von Berghoeffer und Ehrenberg vor allem dem eben erwähnten Buche. Darin aber besteht nun das besondere Verdienst dieses ebenso kenntnisreich wie leidenschaftlos geschriebenen Buches, daß es uns über die Geschichte der Rothschilds hinaus einen wertvollen Beitrag zur Psychologie des jüdischen Wirlschaflserfolges überhaupt bringt. Wie entstand die Weltmacht der Rothschilds? — Oft hat man das alte Haus in der Frankfurter Judengasse beschrieben, von dem die Familie ihren Ausgang nahm und von dem sich die erste Generalion mit klugem Vorbedacht niemals trennen wollte. Der deutsche Theaterbesucher zumal kennt dieses Haus und besonders die grüne Stube der Frau Gudula, der klugen und warmherzigen Hausmutter, gewiß — freilich etwas auflackiert — aus Rößlers „Fünf Frankfurtern". Weniger oft aber ist der enge Raum geschildert worden, der rückwärts über dem kleinen Hof lag — etwa drei Meter im Quadrat messend, kahl, mit einer gewaltigen eisenbeschlagenen schwarzen Truhe mit großem Vorhängeschloß: das eigentliche erste Bankhaus Rothschild. In diesem Hause lebte der „Gründer", der unermüdliche, scharfsichtige Mayer Amschel Rothschild mit seiner Frau Gudula oder Gutle und seinen zwölf Kindern. Von hier aus betrieb er seinen erst so bescheidenen Handel mit Münzen, den er bald durch seine eigenen Kenntnisse und durch seine Beziehungen zu dem nach Münzen und nach Geld begierigen Erbprinzen, dem späteren Herzog von Hessen-Cassel, gewaltig erweiterte. Es war ein folgenschwerer Tag in Mayer Amschels geschäftlicher Laufbahn, als er, der nunmehrige Hoffaktor des Herzogs, im Jahre 1789 zu den „englischen Wechseln" zugelassen wurde. Kein Ruhmesblatt in der Geschichte deutscher Fürstenhäuser: die englischen Wechsel waren der Erlös für die vom Herzog verkauften Landeskinder . .. Aber dem kleinen Kaufmann aus der Frankfurter Judengasse war es nicht zu verdenken, wenn er wie

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.