Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1928)
- Article
- Die Gerim von Judina
- Date
- 1928-05-01
- Page
- Seite 266 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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266 MENORAH der die Liturgie kann, der einzige, der die Gebete ordentlich liest und versteht. So muß er trotz seines Alters an den hohen Feiertagen immer selbst den Gottesdienst leiten. Besonders schmerzt es ihn begreiflicherweise, daß die Regierung ihm nicht erlaubt, ein Cheder einzurichten. Pawlow klagte mir all diese Leiden und fügte hinzu, daß er noch einen beständigen Kummer habe, der an seinem Herzen nage. Es war das Problem des Priestersegens. „Wir haben doch keine Cohanim, nicht wahr? Woher auch? So sind wir auf echte Juden angewiesen, und es ist eine schwierige Sache, zu den Feiertagen einen wirklichen Cohen herzubekommen. Es gelingt uns nicht immer, und dann muß ich, der ich nicht vom Blute der Cohanim bin, den Segen spenden. Das kränkt mich bitter." Ich suchte ihm klarzumachen, daß die Mehrzahl selbst der echten Juden heute kein so großes Gewicht auf den Priestersegen lege, ja daß er meist nichts anderes sei als eine bloße Formalität. Aber es war umsonst; er verstand mich nicht. Man sah deutlich, daß das Problem ihn schwer bedrückte. „Noch schwieriger ist es, Esrog und Lulaw zu bekommen. Wir müssen sie aus Rußland hereinbringen lassen, und oft kommen sie zu spät, oft wieder sind sie in so schlechtem Zustand, daß man nichts mit ihnen anfangen kann. Dann sind uns die Feiertage verdorben." Tiefes Mitleid erfaßte mich mit diesen naiven, gläubigen Menschen, die hier am Ende der Welt, ein verbanntes Häuflein, von Gewissensskrupeln geplagt wurden, wie sie die „echten" Juden zum großen Teil längst nicht mehr kennen. Seine Frau Deborah trat ein. Sie grüßte herzlich und stellte uns Tee hin, dann aber verließ sie schleunigst wieder das Zimmer, um unser sicherlich sehr bedeutsames Gespräch nicht zu stören. Es mußte bedeutsam sein, denn war ich nicht ein echter Jude? I)ie Gemeinde war zur Zeit meines Besuches etwa hundert Jahre alt, denn sie wurde 1820 gegründet, und zwar von Bewohnern des Gouvernements Woronetz. Diese Leute waren als Ungläubige und schlechte Christen verfolgt worden; später sah man sie als Freidenker an und schließlich als Verbreiter der jüdischen Religion. Der erste, der unter ihnen das Judentum predigte, war Anton Rogow. Der Anstoß zu seiner Glaubensänderung kam nicht etwa daher, daß er das Judentum als die allein wahre Religion erkannte, sondern daß ihn das Christentum nicht befriedigte. Er sah, daß die Anhänger