Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 4 (April 1928)
- Article
- Vom Nil zum Jordan
- Date
- 1928-04-01
- Page
- Seite 229 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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VOM NIL ZUM JORDAN 229 „Was wäre, zum Beispiel, Ihre Meinung?" „Sir," sagte ich, „ich sitze hier als Mitglied einer Körperschaft von russischen Journalisten und darf über meine eigene Meinung nicht sprechen. Aber alle sind wir überzeugt, daß man mit Drohungen keine Freiwilligen werben wird. Bei einer Rekrutierungskampagne muß man an die besten Gefühle der Masse appellieren, nicht an ihre Angst. Wenn Sie Engländer anwerben, dann wenden Sie sich an ihren englischen Patriotismus. Tun Sie dasselbe für die Leute in Whitechapel. Dabei dürfen Sie nicht vergessen, daß Whitechapel sich den englischen Patriotismus noch nicht angeeignet hat, den russischen aber nie besessen — im Gegenteil. Also muß man einen Weg linden zu ihrem spezifischen Patriotismus. Das ist alles." Der Minister fragte: „Und wenn sich ein solcher Weg linden ließe — wer würde dann die Uekrutierungspropaganda leiten können?" Ich konnte meine Dienste nicht vorschlagen, da ich in beziig darauf von den anderen Journalisten keine Vollmacht hatte. Samuel machte mir auch keinen derartigen Vorschlag. So gingen wir auseinander. Aber von jener Drohung hat man seitdem keine Silbe mehr gehört. Und spätere Ereignisse bewiesen, daß dieser Empfang sowohl Herbert Samuel als auch dem ganzen Kabinett jene einfache Erkenntnis beigebracht hatte, auf die vom ersten Momente an ineine Erfolgsicherheit aufgebaut war, nämlich: der einzige Weg zur Lösung der Whitechapel-Frage ist eine jüdische Legion für Palästina. LJ nter den zahlreichen Erkenntnissen, die ich in jenen Monaten gesammelt habe, gibt es noch eine, vielleicht die wichtigste: in der jüdischen Wellpolitik ist der assimilierte Krösus kein Machtfaktor, trotzdem er sowohl politischen als auch finanziellen Einfluß besitzt. Aber der jüdische Nationalist ist eine Macht, mag er auch ein unbekannter Ausländer sein. Weizmann hat das glänzend bewiesen und nieine eigenen Erfahrungen zeigten mir dasselbe. Als ich nach London kam, warnten mich alle: „Ohne die hiesigen Großjuden, werden Sit1 zur Regierung keinen Zutritt erlangen: Gehen Sie vorher zu den jüdischen Notabein." Ich versuchte es, aber sie wollten nicht helfen, im Gegenteil, sie sagten oft, daß sie stören werden. Dann ging ich zur Regierung ohne ihre Beihilfe — und erreichte es. Ich lege hier die förmliche Zeugenschafl ab, daß mich nie ein Minister gefragt hat: „Und was sagen die jüdischen Nolabeln dazu?"