Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 6 (1928)
- Issue
- Heft 4 (April 1928)
- Article
- Encyclopaedia Judaica [Rezension]
- Date
- 1928-04-01
- Page
- Seite 196 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2912821-2912879-2912884-2921828--06419-2921899- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
196 MENORAH zeichnete Systematik, die durch Texlproben gewürzt ist. Die Monographie „Akademien" schildert lebendige Kulturtradition eines Jahrtausends. „Abgaben und Steuern'' ist eine historisch-territorial gegliederte schwierige Abhandlung. Eine ganze Reihe anderer größerer Artikel sind ähnlich aufgebaut. So werden große Länderkomplexe, wie Afrika, Ägypten und Abessinien monographisch behandelt. Die geographische Topographie der jüdischen Siedlungen in der Zerstreuung wird sowohl nach historischen als auch nach aktuellen Grundsätzen behandelt. Jede örtlichkeit, die irgendwie in der jüdischen Geschichte eine Rolle spielt, wird behandelt, ebenso jede, die in der Gegenwart eine Judensiedlung von 1000 Seelen in Osteuropa, 500 Seelen anderwärts besitzt. Die Geschichte des jüdischen Volkes in der Zerstreuung ist in den bedeutenden Männern aufgezeigt, die in ihm wirkten, zu einem Teile in den Nichtjuden der Umgebung. So ist auch die nachtalmudische, mittelalterliche Geschichte zu einem großen Teile in Biographie und Literaturgeschichte verankert. Diesem Lebenskerne werden alle historischen Begebenheiten zugeordnet und erscheinen dann in der örtlichen Monographie in größerem zeitlichem Zusammenhange. Bibliographien und Bildillustrationen sind sorgfältig ausgewählt. Der Druck ist mit Titeln durchstreut, die in den Text eingereiht sind und die Übersicht erleichtern, die Ausstattung vornehm. Die Enzyklopädie des Judentums spricht zu uns mit dem Palhos der jüdischen Thora. Ob nun der Gegenstand eine religiöse Begebenheit, einen historischen Vorfall, eine Persönlichkeit, ein Buch behandelt, immer ist dieses Merkmal vorhanden. Wenn wir das Leben der Menschheit an jüdischem Leben messen, indem wir jüdisches Leben objektiv darstellen, wächst die überzeugende und liebende Kraft, die von unserer Lehre ausgeht, in unseren Herzen. Das ist der tiefe Sinn dieser neuen Bucherscheinungen. Der jüdische Gelehrte und Lehrer fühlt, daß die Wissenschaft des Judentums noch viel zu wenig Allgemeingut geworden ist, und er entledigt sich zunächst einer Pflicht. Aber darüber hinaus wird durch die enzyklopädische Zusammenfassung eine Neuwertung der Inhalte angebahnt. Das Bewußtsein eines Autors, für eine Enzyklopädie des Judentums unserer Tage zu schreiben, wird einerseits diesen anspornen, sein Restes zu geben, anderseits einen neuen, lebendigen Kontakt für das jüdische Kulturleben der Gegenwart bringen, wenn die Leser sich wieder mit diesen Persönlichkeiten geistig verbunden fühlen. Der allergrößte Teil unserer wissenschaftlichen Autoren fand bisher keinen oder nur geringen Eingang in breitere Leserkreise, ihr literarisches Schaffen blieb unlebendig. Nunmehr ist diese Möglichkeit geschaffen, die Auswirkung gegeben, und die Encyclopaedia Judaica wird einen Kreis von Menschen erfassen, deren jüdischer Kullurwille sich orientieren wird. Der Leser der Enzyklopädie des Judentums hat eine nicht geringere Arbeit zu leisten als die Autoren des Werkes, wenn er den jüdischen Kulturaufgaben gerecht werden will. Der ideale Sinn einer Selbstdarslellung des Judentums muß erkannt werden. Vergleicht man diesen Sinn dann mit den Realitäten des jüdischen Lebens, und fühlt die Kluft, in diesem Gefühle schon bereit, sie zu überbrücken, dann ist das Judentum wieder lebendig geworden. Der Sinn dieser Enzyklopädie ist vor allem ein innerer, an den einzelnen gerichteter, sehr gestrenger und ernster. Freilich, das erste Gefühl ist naturgemäß das des Stolzes, auf die Gemeinschaft, der sich auch sogleich nach außen richtet. Aber dieses erste stolze Gefühl ist nicht das eigentlich Gemeinte. Viel aufrichtiger fühlen die Söhne des auserwählten Volkes die Unzulänglichkeit der jüdischen Gegenwart. Diese nach dem Idealbilde umzuformen, schwebt uns vor. Die Gelehrtengenerution, die an diesem Werke arbeitet, ist der soziologische Exponent eines Kulturwillens, der sich im Judentum durchringt. Die an ihm Mitarbeitenden und die Leser helfen eine neue jüdische Gegenwart schaffen.