Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1927)
- Article
- Die Judenwache [Illustration]
- Date
- 1927-12-01
- Page
- 785 (sequence 1)
- Language
- German
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Die JLidcnwache (Abgerissen) DAS JUDEN VIERTEL UM iSöo Was ich heute niederschreibe, soll ein kleines Bild davon geben, wie meine liebe Vaterstadt Moguntia, und besonders ihr Juden viertel, vor ungefähr 60 Jahren ausgesehen hat. Es war eine Zeit, zu der man noch keinen. Judenhaß kannte; Antisemitismus war damals ein Fremdwort, welches nur wenigen bekannt war. Die Stadt Mainz, damals noch Bundesfestung des deutschen Bundes, war eingeengt durch einen mächtigen Festungsgürtel, klein an Einwohnerzahl und (Kirch fünf Stadttore abgesperrt: Am Anfang der Großen Bleiche, am heutigen Miinsterplalz, lag das Münslerlor, gegenüber am Bheinstroni das Kaimunditor, nach Norden gelegen das M o m b a c her! o r. im Süden das Nculor und im Westen, im höher gelegenen Stadtteil, das Gautor. Die Besatzung bestand zu dieser Zeit aus preußischen und österreichischen Truppen, außerdem gab es noch eine Kompagnie 1 Iesscn-Darmslädter, deren Kaserne sich hinler dem Sladllhealcr, im heutigen Arbeilsamt, befand. Die Österreicher, unter denen viele Juden aller Dienstgrade dienten, und die Preußen teilten sich in rlen Garnisons- und Festungsdiensf. Die Hessen aber waren wegen ihrer geringen Zahl lediglich zur Bewachung der Gefängnisse bestimmt. Der Gouverneur war ein österreichischer General, ein Herr von Paumgarten, der wegen seiner Unparteilichkeil sich allgemeiner Beliebtheit erfreute. Der Festungskommandant war ein preußischer General. Schon damals hallen viele jüdische Familien dem Judenviertel den Rücken gekehrt und bewohnten den als besonders vornehmer Stadtteil bekannten Kästrich mit den angrenzenden Straßen, wie Walpodenslraßc, Emmerich-Josephstraße, Schillerplatz (damals Tiermnrkl genannt) und die als Hauptverkehrsader anzusprechende Große Bleiche. Die leergewordenen Wohnungen dos Judenvierlels wurden von christlichen Familien bezogen, doch blieben im allen Judenvierlel die zurückbleibenden Juden in der Mehrzahl: das Viertel war gebildet aus der vorderen und hinteren Synagogengasse Margarethen, Bechen- und Eöwenhofgasse. Sehr mangelhaft waren noch die hygienischen Verhältnisse, es gab weder Kanalisation noch Wasserleitung: drei Brunnen standen den Einwohnern zur Verfügung, davon war der im Volksmund genannte ,.Eeisbrunnen" durch sein gutes Wasser besonders beliebt. Auch die Beleuchlungsvcrhältnisse waren äußerst primitiv, ein guter Teil der Stadt war mit Gasbeleuchtung ver-