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Menorah · 1927-12-01 · Heft 12 (Dezember 1927) · p. Seite 756

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
5 (1927)
Issue
Heft 12 (Dezember 1927)
Article
Von den Judengassen
Date
1927-12-01
Page
Seite 756 (sequence 2)
Language
German
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756 MENORAH vom 12, November 1671 verwies die Mainzer Judenschaft, die früher zerstreut in der Stadt gewohnt halle, in ein Ghetto. Der ersten Verordnung zufolge durften nicht mehr als 20 Juden (-familien) in der Stadt bleiben. Sic sollten in einer Gasse beisammen wohnen, an die bezeichneten Stellen innerhalb zweier Jahre ihre Synagoge und ihre eigenen Häuser in der Weise bauen, wie sie ihnen das kurfürstlich e Kammeramt angeben und gestallen werde. Der zuletzt genannte Erlaß bestimmte: Es werden nicht mehr als zehn schutzverwandte Juden (-familien) in Mainz geduldet. Diese müssen, in der allen Judengasse, unfern der urmen Klarissen, wie ihnen solches die Kammer bestimmt, wohnen, die Gasse oben und unlen schließen, die sonst von ihnen innegehabten Behausungen sowie die Synagoge binnen Jahresfrist an Bürger verkaufen usw. Das hier den Juden zur Bebauung überwiesene Gebiet „unfern der armen Klarissen" ist das der heutigen hinteren und vorderen Synagogenstraße. Der sogenannte schwedische Stadtplan aus der Zeit des Kurfürsten Johann Schweikard von Gremberg, der um 1()2(> aufgenommen wurde, verzeichnet gerade an der einen Seite der hinleren Synagogenstraße (nach der Emmcransgas.se hin) noch viel unbebautes Gebiet. Die Zahl der geduldeten Juden halte sich gegen Ende des 17. Jahrhunderts auf 100 (Familien) erhöhl. Mit dem zur Verfügung stehenden Baugelände mußte deshalb sparsam umgegangen werden. Auch hier bewährte sich — fast im wörtlichen Sinne — das Sprichwort .,Viele Brüder, schmale Güter". Es galt, hier aus dem zur Verfügung stehenden Gelände möglichst viele Bauplätze zu gewinnen. Man gab diesen dnher in der Tiefe mehr als eins Vierfache der Breite, zerschnitt also das Gelände in schmale Riemen. Unser Bild der hinleren Judengas.se mit den dicht aufeinander sitzenden schmalen Häuserfronten zeigt dies noch deutlich. Die Straßenllucht ist stark gekrümmt, was vielleicht mit darin seinen Grund haben mag, daß man für die Häuserfronten möglichst viel Platz gewinnen wollte. Die Mehrzahl der Häuser hat nur zwei Fenster in der Front. Die mangelnde Breite ersetzte man durch die Höhe und baute vierstöckig mit Zwerchgiebeln. Häuser mit drei oder mehr Fensterachsen, die ursprünglich auch nur die übliche Hohe vor drei Stockwerken hatten, treten nur vereinzelt auf, was seinen Grund vielleicht in dem größeren Wohlstand des Bauherrn oder dessen höherer amtlicher Stellung in der Gemeinde haben mag. Gerade diese eigenartige Bauweise und Gruppierung der Häuser gibt dem Slraßenbilde dieser Mainzer Judengasse seinen eigenartigen Charakter, keine der anderen älteren Mainzer Gassen zeigt in dieser Hinsicht etwas Ähnliches. Aber bei aller jener durch die Notlage gebotenen Beschränkung im Ausbau der Judengassenhäuser verzichtete man im Äußern und Innern doch nicht völlig auf künstlerischen Schmuck. ..Bei aller Armut, die in den Judengassen geherrscht hat, trilR man doch auf vielen kleinen Schmuck, hübsche Masken und Karluschen über den Eingängen, die zum Teil die Häusernamen andeuten, wie .Bär' oder .die Ente', auf schöne Haus- oder Innentüren. Türklopfer. Treppengeländer, Rahmendecken und dergleichen", so schreibt Vogt a. a. O. Gerade für den in den beiden ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhundeiis in der Stuckdekoration herrschenden Stil - - das sogenannte Knorpelwerkinusler — linden sich hier zahlreiche Beispiele, von denen leider eines der reichsten und schönsten unlängst den Bedürfnissen der Neuzeit zum Opfer lallen mußte. Unserer heutigen „Wohnkultur" und unseren heutigen hochgesteigeiien Ansprüchen an Lieht und Lull mögen allerdings diese Wohnräume nicht, mehr so ganz entsprechen, ja selbst für die zur Zeit ihrer Entstehung waltenden Verhältnisse könnten sie in dieser Hinsicht als schon recht dürftig betrachtet werden. Aber bei aller Not und Bedrückung fanden ihre Bewohner dort im stillen, wellabgeschlossenen Heime und am eigenen Herde in einem glücklichen Familienleben Ruhe und Frieden. JSfeeh.

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