Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 9 (September 1927)
- Article
- Unsere Mutter
- Date
- 1927-09-01
- Page
- Seite 563 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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UNSERE MUTTER 563 Unsere Mutter Von A. K. (18. Fortsetzung.) Mein lieber Moritz! Dein Schreiben mit Vergnügen gelesen; ist es doch von Dir! Wollte ich Dir meinen Zustand in den letzten vier Wochen schildern, Du würdest wie jener Arzt einer jammernden Patientin sagen dürfen: ,,Wenn Sie soviel ausgehalten haben, müssen Sie sehr stark und gesund sein!" Ich habe aber wirklich eine russische Kraft. Ich weiß, daß meine Kinder mir alle Wünsche erfüllen, die sich auf meine Person beziehen. Wie es aber schon im Leben ist, gerade für meine Person habe ich keine Wünsche, ja, ich könnte noch auf manches verzichten, was ich habe. Ich hoffe, Du wirst mich deshalb nicht für undankbar halten. Ich bin, im Gegenteil, eine sehr dankbare Natur, für das Kleinste erkenntlich. So z. B. habe ich das süße Lieserle noch lange auf dem Bahnhof stehen sehen, wie sie mich begleitete, selbst wie ich schon in T. war. Herzliche Grüße Euch allen von Euerer treuen Mutter Klara. Lieber Moritz! So oft ich von Dir einen Brief bekomme, ist mir, als müßte ich mir einen Vorwurf machen. Du bist auch gar so gewissenhaft! Keiner glaubt mir, daß ich ein altes, launisches Weib bin, auf das nicht viel zu hören ist, und Du schon gar nicht. Ich bin wirklich launisch, besonders wenn ich krank bin. Ich war so unglücklich, weil ich mich schwach fühlte und gar nicht mehr hoffte, nach Wien fahren zu können, um die Ware auszusuchen, deshalb schrieb ich Dir, wir würden diesmal ausbleiben. Nun fühle ich mich aber heute viel wohler, und da ich es immer gern sehe, wenn die liebe Rosa ein paar Tage vom Hause fortkommt — die Arme sieht wieder so elend aus, nicht zum sagen — und ich heute schon ganz gut zu Mittag gegessen habe, so daß ich in zwei, drei Tagen wieder die alte Riesin sein werde, so bin ich wieder reisefähig. Ich grüße Dich und Deine Lieben herzlich als Deine treue Mutter Klara. Mein lieber Moritz! Mit schwerem Herzen mache ich Dir folgende Mitteilung. Ich reiste gesund von Bansin ab, blieb in Berlin über Nacht und fuhr auch von Berlin ganz wohl ab. Unterwegs wurde ich ohnmächtig, und man brachte mich in das Breslauer Krankenhaus. Es geht mir schon ganz gut, ich werde aber noch zwei Tage hierbleiben müssen. Sei ganz unbesorgt, mir ist nichts weiter. Annas Kinder in Bansin haben Keuchhusten, Rosa hat wieder für eine Woche die Wohnung vorausbezahlt, es wäre also eine Sünde, wenn eine von ihnen expreß fort müßte, besonders da es mir schon ganz gut geht und ich wirklich niemanden brauche. Ich schreibe liegend, daher so schlecht, aber es geht mir ganz gut, lieber Moritz. Schreiben mußte ich, damit Ihr nicht besorgt seid. Ich grüße Euch herzlichst als Eure treue Mutter Klara. Mein lieber Moritz! Ich habe Dir paar Tage nicht geschrieben, weil ich Dir sicher zu viel geschrieben hätte und Dir nicht den Kopf voll machen wollte. Nun ist die Inventur vorüber, und ich freue mich so, daß das Jahr ein gutes war, als ob ich sonst nicht zu essen gehabt hätte. Ich bin unendlich glücklich, seit die 1. Laura verheiratet ist und ich sie so wohl geborgen weiß. Ich kann jetzt, da eine der größten Sorgen von mir genommen ist, viel ertragen. Mit den innigsten Grüßen Deine treue Mutter Klara. 13. Kapitel HENRIETTE Schwester Henriette, die um zwei Jahre jünger ist als ich, heiratete den feinsinnigen Dr. S. W. Das Glück dieser schönen, harmonischen Ehe erfuhr die erste Trübung STOFFEINKAUF IST SS« KOHH & flM VERTRATJENSSACHE Es£'rS'!'K; Wien, Dl., »