Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 9 (September 1927)
- Article
- Ein Jude geht nach Amerika
- Date
- 1927-09-01
- Page
- Seite 519 (sequence 3)
- Language
- German
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EIN JUDE GEHT NACH AMERIKA 519 werden unterirdisch rollen müssen, bis sie in Palästina angelangt sind. Glücklich diejenigen, die schon in Palästina begraben werden. Sie ersparen sich die weite und mühevolle Reise. Die unaufhörliche, meilenlange Drehung. Werden aber auch die Toten erwachen, die ins Wasser versenkt worden sind? Gibt es Land unter dem Wasser? Welch seltsame Geschöpfe wohnen dort unten? Eine jüdische Leiche darf nicht seziert werden, ganz unversehrt muß der Mensch dem Staub wieder übergeben werden. Fressen die Haifische nicht die Wasserleichen? Außerdem ist die versprochene SchilTskarte noch nicht da. Sie muß freilich kommen. Aber sie allein genügt ja auch noch nicht. Man muß die Einreisebewilligung haben. Die bekommt man ohne Papiere nicht. Wo sind die Papiere? Und nun beginnt der letzte erschütterndste Kampf gegen die Papiere, um die Papiere. Ist dieser Kampf siegreich, dann braucht man nichts mehr. Drüben, in Amerika, kriegt jeder sofort einen neuen Namen und ein neues Papier. Man wundere sich nicht über die Pietätlosigkeit der Juden gegen ihre Namen. Mit einer Leichtfertigkeit, die überraschend wirkt, wechseln sie ihre Namen, die Namen ihrer Väter, deren Klang doch immerhin für europäische Gemüter irgend einen Gefühlswert hat. Für die Juden hat der Name deshalb keinen Wert, weil er gar nicht ihr Name ist. Juden, Ostjuden, haben keine Namen. Sie tragen aufgezwungene Pseudonyme. Ihr wirklicher Name ist der, mit dem sie am Sabbath und an Feiertagen zur Thora aufgerufen werden: ihr jüdischer Vorname und der jüdische Vorname ihres Vaters. Die Familiennamen aber von Goldenberg bis zu Hescheles sind aufoktroyierte Namen. Die Regierungen haben den Juden befohlen, Namen anzunehmen. Sind es ihre eigenen? Wenn einer Nachman heißt und seinen Vornamen in ein europäisches Norbert verändert, ist nicht „Norbert" die Verkleidung, das Pseudonym? Ist es etwa mehr als Mimikry? Empfindet das Chamäleon Pietät gegenüber den Farben, die es fortwährend wechseln muß? Der Jude schreibt in Amerika Greenboom statt Grünbaum. Er trauert nicht um die veränderten Vokale. JLj eider ist er noch immer nicht so weit, sich nennen zu können wie er will. Noch ist er in Polen, in Litauen. Noch muß er Papiere" haben, die seine Geburt, seine Existenz, seine Identität beweisen. Und er fängt an, die Wege zu wandern, die genau so unübersichtlich, verworren, ziellos und tragisch, lächerlich im kleinen sind, wie einst die Wege seiner Väter im großen waren. Man schickt ihn nicht