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Menorah · 1927-09-01 · Heft 9 (September 1927) · p. Seite 504

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
5 (1927)
Issue
Heft 9 (September 1927)
Article
Der alte jüdische Friedhof in Czernowitz
Date
1927-09-01
Page
Seite 504 (sequence 2)
Language
German
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504 MENORAH sinken waren, bemerkte man die vergessenen Kunstschätze. Die Grabsteine (Mazewes) auf diesem und auf den jüdischen Friedhöfen im Umkreise um Czernowitz weisen auf eine bisher unbekannte Schule jüdischer Kunsthandwerker und Künstler hin, deren Schaffen von starkem Interesse und lebhafter Anteilnahme ihrer Gemeinden begleitet wurde. Es weist auf eine strenge Kritik hin, wenn von den etwa 1200 Steinen des Gzernowitzcr Friedhofes, die sich auf etwa 200 Jahre verteilen, fast keiner dem anderen völlig gleicht. Die Steine erzählen von einer lief religiösen Gemeinde, von einfachen, unkomplizierten Daseinsformen. Die hebräischen Texte sind kurz und wiederholen sich: -ffl»] 0fl fc^a „Hier ruht der schlichte, gottesfürchtige Mann N. N." beginnt gewöhnlich das Epitaph. Man liest den Willen, eine religiöse Pflicht zu erfüllen, wenn zu Häuplen des Hingegangenen „ein Stein gestellt" wird. Ein Grabstein, von einem Nicht-Juden gemeißelt, durfte nicht aufgestellt werden. Die Erinnerung an die beiden Czernowitzer Familien Steinmetz und P i c k e r, in denen vom Vater auf den Sohn das Handwerk sich vererbte, lebt noch in der Gemeinde. Der M azewe-Sch läger (das ist der technische Name für die jüdischen Bildhauer, die hier gearbeitet haben), stand vor Gott, wenn er am Steine modellierte; er legte gläubig seine religiöse Inbrunst in das Werk und wenn gelungen war, was er wollte, dankte er dem Herrn der Heerscharen, der den Meißel seines Dieners nach seinem unerforschlichen Ratschlüsse geführt. Daraus quillt die starke Gebundenheit der Mazewe, die sich fast niemals von der historischen Form der Stele mit bogenförmigem oder giebelig zulaufendem Abschlüsse nach oben entfernt. Im allgemeinen dient die Mazewe, den Text zu fixieren, so daß wir gewohnt sind, bei jüdischen Grabsteinen vor allem auf den Text aufzumerken. Hier tritt uns das Unterscheidende entgegen. Der Mazewe-Schläger, der an diesen Steinen arbeitete, ergriff das Material mit einer stillen Liebe. Es sind die Zeichen der heiligen Schrift, die er meißelt. Die Buchstaben sind nicht bloß technische Vermittler einer Vorstellung, unendliche Beziehungen liegen in ihnen; wenn er vor Morgengrauen aufsteht, dann liest er noch eine Weile in kabalislischen Werken mit Eifer nach, was für Kräfte aus diesen Buchstaben strömen. Von diesen Kräften berichten uns die abgebildeten Mazewes. Wucht und Schönheit strömt aus jedem einzelnen dieser mächtigen, in Relief gemeißelten, nach der Schreibart der sefardischen Soferim gestalteten Buchstaben, die auf breiten Balken ruhen und die sich alle zusammen zu einem Ornament von eigenartiger Kraft und Schönheit vereinigen. Eine Borte, die den Text umrahmt, läuft über den asymmetrischen Rand zu einem eigenartigen, schweren, aber nicht plumpen Dekor, der die Fläche nach oben abschließt und sie krönt. Dieses einheitliche und harmonische Gestalten der Fläche, das auch die anderen Abbildungen zeigen, mit dem Text als zentralem Teil und der herausgemeißelten, ornamentalen Umrahmung und Krönung, welche mit dem Stil der Buchstaben zusammenklingen, charakterisiert diese Schule und ihr Werk. Die gebundene Phantasie des Mazewe- Schlägers war so unerschöpflich, daß das einfache Thema, das immer traditionell gelöst wurde, museale Schätze von immer neuen, ornamentalen Lösungen als leider noch unberührtes Erbe zurückließ. Ihre Eröffnung müßte diesen Friedhof zu einer Fundgrube für jüdisches Kunsthandwerk machen. Ich habe beispielsweise über 50 Variationen des Menorah-Ornaments gezählt. Für die Konservierung des Czernowitzer Friedhofes hat die jüdische Gemeinde in diesem Jahre zum erstenmal einen Beitrag in ihr Budget eingesetzt. Aber die anderen alten, jüdischen Friedhöfe in der Bukowina, im nördlichen Bessarabien und in der Moldau sind ebenso ein geschichtliches Denkmal einer unbekannten, jüdischen Volkskunst, die dort ihren Sitz gehabt; sie bergen heute noch von niemandem, betreute, museale Schätze. Dr. Max Diamant.

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