Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 4 (April 1927)
- Article
- Jüdische Bräuche im Comtat Venaissin
- Date
- 1927-04-01
- Page
- 256 (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdische Bräuche im Comtat Venaissin Von Cecil Roth Bis vor kurzem beschränkte sich die jüdische Volkskunde ausschließlich auf das Studium gedruckter Texte. Erst in den letzten Jahren ist man auf das weit wichtigere Material aufmerksam geworden, das in der Ichendigen Tradition der heutigen Judenschaft aufgespeichert liegt. Aber auch auf diesem Gebiete sind es bis jetzt hauptsächlich die großen jüdischen Zentren, die hier herangezogen wurden — ganz besonders die riesigen Judenreservoirs des slawischen Osteuropa —, während die ladinisch sprechende Judenheil an den Küsten des Millelmeeres vernachlässigt worden ist. Und doch ist das Problem im Osten nicht so dringend wie hier. Denn da die Juden dort noch so zahlreich sind, ist es im höchsten Grade unwahrscheinlich, daß ihre Überlieferung in naher Zukunft verlorengehen könnte. Gewisse kleinere Aggregate aber, selbst in ihren guten Tagen wenig zahlreich und bedeutend, sind heute in raschem Niedergang hegrifTen, und wenn wir über ihre Vergangenheit Aufzeichnungen besitzen wollen, müssen diese schleunigst gemacht werden. Zu den interessantesten Gruppen dieser Art gehört die Judenschaft von Avignon und die des Comtat Venaissin. Als zu Ende des 15. Jahrhunderts die letzten Reste der alten und ehrwürdigen französischen Gemeinden aus der Provence vertrieben wurden, gestattete man doch einigen wenigen Überlebenden, auf dem päpstlichen Territorium zu bleiben. Hier, in den ..Vier Gemeinden" Avignon, Carpentras, Cavaillon und Lisle, blieb ein trauriger Rest von höchstens vier- bis fünftausend Seelen zurück, um die glorreichen Traditionen der französischen Judenheit fortzusetzen. In den drei Jahrhunderten bis zur Revolutionszeit führten sie ein kümmerliches Dasein, das aber immerhin typisch genannt werden kann. Ihre Isolierung spiegelte sich in jeder Sphäre ihres Lebens und ihrer Tätigkeit, vom Gebetbuch bis zur synagogalen Architektur, von der Schrift bis zur Chasanuth, von der Namensgebung bis zum Dialekt, — all dies ist höchst charakteristisch und wird nirgends sonst so angetroffen. Aber die Emanzipation brachte Spaltung und Assimilation mit sich, und heute ist diese charakteristische Kultur verschwunden, die Erinnerung an sie im Verschwinden begriffen. Der folgende Aufsatz will einige der alten lokalen Bräuche mitteilen, wie sie die heutige Überlieferung beschreibt, und in gewissen Fällen auf interessante Parallelen hinweisen1). Die Synagoge Von den alten Synagogen des Comtat sind zwei erhalten, die von Carpentras, in der jeder Stein traurige Erinnerungen birgt, und die von Cavaillon, die im Jahre 1774 erneuert wurde; sie ist über dem Schwibbogen der „Carriere" (des Ghetto) erbaut2). Die Synagoge von Avignon wrurde zu Anfang des 19. Jahrhunderts vom Feuer zerstört; soweit wir aus erhaltenen Beschreibungen schließen können, waren auch ihr all die charakteristischen Merkmale der anderen eigen. Manche dieser Eigenheiten sind aus praktischen Beweggründen entstanden; andere haben Parallelen in älteren italienischen Bauten. Aber ein Merkmal scheint einzig zu sein: das sind die kleinen Nischen zu beiden Seiten des Allerheiligsten, etwa sechs Fuß über dem Fußboden angebracht. Die eine war für den Lulab und den Ethrog bestimmt, die während des Sukkothfestes dort aufbewahrt wurden; in der anderen stand ein winziger Thron, der „Sessel Elias"; er wurde bei der Beschneidungszeremonie benützt, indem der Knabe dem Sessel dreimal präsentiert wurde. Soviel mir bekannt ist, haben diese zwei Dinge nirgends sonst einen so hervorragenden Platz. Indessen fehlt es nicht an Hinweisen darauf, daß vor sehr langer Zeit, beim Eintritt der Juden in das europäische Leben, diese Dinge ebenfalls eine größere Rolle