Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 4 (April 1927)
- Article
- Chana Orlow
- Date
- 1927-04-01
- Page
- 208 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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CHANA ORLOW Diese Bildhauerin kommt aus der Ukraine. Etwa zwanzigjährig, übersiedelt sie nach Palästina, bleibt dort fünf Jahre, um dann nach Paris zu gehen. Das ist jetzt etwa drei Jahre her, vielleicht auch vier. Sie hat nach Paris die Fehler mitgebracht, die in der Kunstschule Bezalel gelehrt werden (leider!), nach zwei Jahren Ecole des Arls decoraHivos ist sie, möchte man meinen, assimiliert. >] keineswegs. Sie hat mit dem traditionellen fc,7emenl der französischen Plastiker nichts zu schaffen. Niehls mit Griechen, nichts mit Römern. Eher hat sie in ihren Porträts, wenn schon Vergleiche gezogen werden müssen, etwas von den im allen Chaldäa entdeckten Büsten. Sie geht auf das Charakteristische los. Sie kennt nicht das geringste dekorative Vorurteil, bat auch nirgends die Absicht, architektonisch zu wirken. Sie isoliert ihr Modell sozusagen und beginnt die Arbeil am Werke, als wäre das Modell eine Welt für sich, die Welt. Manches ihrer Bildwerke erhält etwas Skurriles, ein wenig Abseitiges. Es kommt daher, daß sie sich bei der Materialbehandlung nicht an das im Material Gegebene hält. Das ist natürlich nicht Regel, gibt aber mancher Büste etwas Ungewöhnliches. Die Bronze der Büste Perrets, des Architekten, sieht wie aus Holz herausgearbeitet aus. Der Holzkopf des jüdischen (französischen) Dichters Edmond F 1 e g könnte aus Bronze gegossen, könnte in Marmor gehauen sein. Er hat auch das Blockhafte echter Plastik, wirkt ganz entgegengesetzt dem Kopf Chagalls (vorläufig in Gips), der noch irgendwie von der Kunst Archipenkos, des Landsmannes der Orlow, abhängig und wenig einheitlich scheint. Möglich, daß hier auch noch das Kunstgewerbliche nicht ganz abgelegt ist. Das Auffälligste an ihren Werken isl, daß sie so lebendig wirken. Es kommt das einerseits daher, daß diese Frau klug genug ist. nur Männer zu modellieren, so daß sie psychologische Gipfelleistungen erzielt. (Es ist wie bei Mela Muler, der Malerin, die im Dekorativen erstickt, wenn sie sich an Kompositionen mit Frauenbildern macht, aber eine der wundervollsten Männerporlrätislinnen isl. die denkbar sind.) Anderseits gelingt es der Orlow nolc n s auch eine architektonische Einheit zu erzielen. Es klingt gegensätzlich zum oben Gesagten, ist es aber gar nicht. Denn sie baut ihre Archetiklur aus Details auf, der Architekt aber holt aus dem Blockhaften des Bauwerks die plastischen Details erst heraus. Sie merkt primär Züge — die geben erst das Gesicht. AusTeilfinessen ergibt sich die Physiognomie des Ganzen. Aber es ist nichts Anekdotisches an diesen Finessen, es sind keine Zufallseroberungen. Ihre letzte Ausstellung (bei Druet) zeigte auch kleine Figürchen, Statuetten, an denen nur irgend ein kleines nettes Detail wirklich herausgearbeitet war. Daher nehme ich die Legitimation, mir ihren Werdegang (oder besser: den ihrer Bildnisse) zu erklären. Sie versucht sich neuerdings auch in Bildwerken größeren Stils: Badende, Krugträgerinnen u. ä. m. bevölkern ihr Atelier. Vielleicht ist das schon der Weg zur Assimilation, zur Resorption in die traditionelle Kultur Frankreichs, die alles angleicht und dadurch immer lebendig bleibt, daß sie so viel Exotisches, Neues, manchmal sogar Exzentrisches zu verdauen weiß. Chana Orlow jedenfalls kann von sich ruhig sagen, sie habe ein gut Teil zur Erneuerung der Plastik in den letzten Jahren beigetragen. —alm—