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Menorah · 1927-03-01 · Heft 3 (März 1927) · p. Seite 202

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
5 (1927)
Issue
Heft 3 (März 1927)
Article
Arthur Schnitzler [Rezension]
Date
1927-03-01
Page
Seite 202 (sequence 2)
Language
German
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202 MENORAH die Novelle „Der Mörder" gelesen hat, dem bleibt das seltsame Geschehen lief eingehämmert, aber noch unvergeßlicher wirkt die Technik, die Art des Vortrages. Sie ähneil Ziselierungen großer italienischer oder französischer Meisler, die ihren Stichel auf dem Hehn einer Rüstung ansetzen, und in einer Linie, die nicht abreißt, das gesamte Metallkleid mit köstlichen Ornamenten zieren: Große Meister der Kleinkunst. Nur einige Male verbreitert sich die motivische Grundlage seines Schaffens, unter anderem im Roman „Der Weg ins Freie" und im Drama „Professor Bcrnhardi". Es gehört zu dem Gesamtbilde Schnitzlers, daß sein einziger Roman mit jüdischen Motiven durchsetzt ist. Der Roman soll im Gegensatz zur Novelle ein Gesamtlebensbild bieten. Im „Professor Bcrnhardi" schürzt das Judesein den Knoten zum Konflikt. Aus dem Wienerischen Wesen dringt seelisches Judenelend und geistiges Judenleid: Nebenpfade des großen Leidenweges. Und nun plötzlich reckt sich hinter dem Meister der schmalen Form der weitausgreifende Denker und bietet in einer Synthese deutscher Form und Kunstfertigkeit mit urtümlicher Spekulation jüdischer Art ein seltsames Werk, befruchtet von heimlichen Quellen jahrlausende alten Denkens und Deuleus. Schnitzler unternimmt die Katcgorisierung des menschlichen Geistes in Wort und Tat. Das Problem ist zu gewallig, um in einer Dichtung Gestalt und Lösung zu finden, die Sprache zu weitmaschig, das Wort zu vieldeutig für die Schärfe des Gedankens. Die graphische Linie muß die Geistesarbeit versinnbildlichen. Der Gedanke soll sich an zwei Diagrammen aufranken und die Erläuterung der vorangehenden 58 Druckseiten erleichtern. Zweimal stehen zwei spitze Winkel mit ihren Schenkeln aufeinander, je ein Rhomboid bildend, ein langgezogenes Viereck auf die Spitze gestellt. Von der oberen Spitze strebt eine Linie hoch, auf der die Gottheit thront. Golt, darunter der Prophet, und dann der Dichlor. Das obere Dreieck faß! die positiven Kräfte, der Gegenpol mit Teufel, Tückebold und Literat die negativen. Auf dem oberen Dreieck finden wir an den Schenkeln den Staatsmann, Historiker, Priester und Philosophen. Im unleren Teil, dem negativen, als Gegensätze den Politiker, Journalisten, Pfaffen und Sophisten. So wird der Geist im WTort kategorisiert. Das Diagramm, der Geist in der Tat, beginnt auch mit Gott, darunter Prophet und Held, an der linken Linie Feldherr und Seefahrer, rechts Naturforscher und Brückenbauer. Als Gegensatz Abenteurer, Spekulant. Diktator, Quacksalber, und abfallend, als Gegengewicht zur Golleslinie, Schwindler, Tückebold, Teufel. Diese Kategorien haben nichts mit den zufälligen Berufen zu tun. Der Autor erläutert den Feldherrn als Führer und Organisator, den Historiker oder Geschichtsschreiber als Kontinualislcn, den Journalisten als Aktualisten. Dabei weiß er sehr wohl, daß der Arzt ein Priester sein kann, der Journalist ein Historiker. Um dieses Gerippe eines Systems wird jeder Leser Fleisch von seinem Fleisch, Geist von seinem Geist zufügen, bis eines Tages Arthur Schnitzler alles sagen wird, was noch zwischen den Zeilen zu lesen ist. Denn er nennt das Werk: Vorläufige Bemerkungen zu zwei Diagrammen. Wie der Autor zu dieser Arbeit kam? Wie sagen unsere Weisen? Alles ist in Gottes Hand, nur nicht der Glaube an ihn. Alles lernen wir Menschen verstehen und viel wissen wir, nur nicht wieso wir wissen und verstehen. Aber kategorisicren dürfen auch wir. Nun denn: In Schnitzler sind geheime Blulslröme lebendig geworden, den Wiener Novellisten und Dramatiker haben uralte Gedankenfolgen überwältigt. Aus der Aggada, aus den Midraschim, den Sagen und Legenden der Tannaim und Amoräer. Aus den schöngeistigen Einschaltungen der Mischna und des Talmud strebte die Kabbala empor, aus den schöngeistigen Werken des Wiener Autors sprießt die Deutung des Geistes in Wort und Tat. Heinrich York-Steiner.

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