Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 3 (März 1927)
- Article
- Das jiddische Theater in New York
- Date
- 1927-03-01
- Page
- Seite 188 (sequence 8)
- Language
- German
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188 MENORAH hindert ihr lustiges Spiel treiben, und von den Ausrufen der Händler, die dem Publikum Erfrischungen oder Hausierer waren anbieten, aus dem Umstand, daß sich hier alle Freundschaft und Verwandtschaft ein bequemes Stelldichein gibt. Überall, draußen wie drinnen, an den Wänden, am Bühnenvorhang, auf Zetteln, die im Publikum verteilt werden, wird in den überschwenglichsten Wendungen der Ruhm der Stars der betreffenden Bühne gepriesen. Alle jüdischen Schauspieler im Ghetto legen sich klangvolle Namen bei, eine ist die jüdische „Sarah Bernhard", eine andere die galizische Rachel", einer der amerikanische Sonnenthal" und ein anderer der jüdische ,,Irving". Im Ghetto geht alles ins Theater. Es ist das einzige Vergnügen des Ghettojuden. Solch ein Mann oder Mädchen verdient im Sweatshop etwa 10 Dollar die Woche, 5 davon fließen dem Theater zu. Und was er auf der Bühne hört, schmeichelt sich dem Ghettojuden so ins Herz, daß eine eigene Buchhandlung im Ghetto mit dem Verkauf dieser Theaterstücke und Couplets glänzende Geschäfte macht und eine eigene Zeitung dem Thealerleben ausschließlich gewidmet ist. An Reichhaltigkeit läßt das Repertoire nichts zu wünschen übrig. Neben Gorkis „Nachtasyl" — der „Jeschiwebochur", neben Shylock Schillers „Räuber", „Uriel Acosta" und „Nora" neben „Der Soton in Gan Eden", neben der „Goldenen Medine" Hauptmanns „Rose Berndt", neben der „Sedernachl" der — „Parsifal", mit einem Chor von 16 Männern und Damen in Jiddisch! Neben Stücken wie „Bar Kochba" von Goldfaden wird auch ä la Sudermann die soziale Saite angeschlagen in Stücken mit Vorder- und Hinterhaus. Sehr populär ist „Anna die Ausfertigerin", sie behandelt das Los einer jener Unglücklichen, die in den Schwitzwerkstätten für 4 bis 5 Dollar wöchentlich von Früh bis Abend in harter Arbeit ihr karges Dasein fristen. Anna zieht die Aufmerksamkeit des jungen Chefs auf sich. Es wird sehr viel von reichen und armen Juden gesprochen, von Liebe und Plutokratie. Die jungen Leute heiraten zum Schluß. Von Professor Hurwitz allein rühren etwa 170 Stücke her. Das Ghettopublikum liebt die Abwechslung. Dafür wird den Schauspielern das Studieren der Rollen nicht allzu schwer gemacht. Sie brauchen, wie sie selbst erklären, in Lateiners Dramen nur den Charakter und die Situation festzuhalten, die Worte können sie nach Belieben wählen. Lateiner (geboren in Rumänien 1855) bevorzugt das romantische, Moses Hurwitz (geboren Stanislau 1844, gestorben New York 1910) das Kulturgenre. Die neue, besonders von Gordin angebahnte Richtung betrachten diese beiden „Klassiker" als Dekadenz. ( Schluß folgt.;