Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 3 (März 1927)
- Article
- Jehudo Epstein
- Date
- 1927-03-01
- Page
- 158 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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JEHUDO EPSTEIN Eine Tischrede1) Der Mann, von dem ich sprechen will, ist ganz gewiß kein Liebhaber meiner Zunft. Sondern er ist der Ansicht — und hat aus ihr niemals ein Hehl gemacht— daß die Kunsthistoriker, notabene: im Hinblick auf die Kunst ihrer Zeit, allesamt nicht viel taugen. Aber schon darin bin ich mit ihm einer Meinung. Die meisten taugen wirklich nichts. Jedenfalls wird man unter solchen Umständen von mir keinerlei Voreingenommenheit für diesen Mann erwarten. Auch kenne ich ihn persönlich nicht, die gesellschaftlichen Kreise, in denen er umgeht, sind nicht die meinen, und wenn wir einmal auf dem Papier aneinander kamen, war es im geharnischten Waffengang. Man hat demnach auch keine Ursache, eine jener bei Festmählern so sehr beliebten Schönrednereien zu befürchten, die mit ihren himmelhohen Superlativen der Sache, der ernsten Verantwortung des Augenblickes schwunghaft aus dem Wege gehen und die vielleicht keinem ein so reines Vergnügen bereiten als dem, der sie zum Besten gibt. Unternehmungen solcher Art sind auch sonst nicht meine Passion. Aber selbst wenn sie es wären — ich würde sie am heutigen Abend beiseite lassen. Denn der Mann, von dem ich sprechen will, liebt nichts so leidenschaftlich wie die Wahrheit. Will man ihn ehren, dann wird man die Wahrheit sagen müssen. Die wenigen Minuten, für die ich ihre Aufmerksamkeit erbitte, gestatten keinevollständige, keine wissenschaftliche Darlegung des Falles. Auch ist mein Mann der Ansicht, daß meine Wissenschaft gar nicht das Recht hat, einen Gegenstand moderner Kunst auf methodische Weise zu behandeln. Und da ich auch hier seine Meinung teile, will ich ihnen statt einer korrekten Untersuchung nur einige Eindrücke oder, schon genauer gesagt, einige Erlebnisse mitteilen, die ich im Laufe der Zeit von der Tätigkeit dieses Mannes erhalten habe. Ich will von drei entscheidenden Begegnungen sprechen: mit seiner Hand, seinem Geist und seinem Herzen. Die erste hat sich im Künstlerhaus am Karlsplatz ereignet. Ich liebe dieses Haus nicht sehr. Zu viele Erinnerungen an verlorene Stun- *) Diese Rede wurde von Prof. Dr. Max Eisler anläßlich einer Abschiedsfeier im Freundeskreise für Prof. Jehudo Epstein gehalten, der in diesen Tagen Wien ^verläßt, um längere Zeit in Palästina zu arbeiten.