Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 3 (März 1927)
- Article
- Georg Brandes
- Date
- 1927-03-01
- Page
- Seite 140 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2912821-2912866-2912870-2919233--04478-2919327- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
140 MENORAH bahnte, wie er den jungen Ibsen durch leidenschaftliche Schriften und Vorträge in den nordischen und germanischen Ländern durchsetzte. Ein Buch über Shakespeare wies der Forschung über die Dramen des großen Briten neue Wege, eines über Goethe drang in die sozialen Fundamente des klassischen deutschen Lileraturzcilallers ein, unzuhlige Monographien über die moderne Literatur Frankreichs, Rußlands, Deutschlands bereiteten ebenso wie die „Ilauplströmungen" den Boden für die Entwicklungslendenzen der neuen skandinavischen Literaturen, von denen man getrost behauplcn kann, daß Brandes durch seine kritisch-historische Iäligkeit ihnen Pate gestanden sei. Die Literatur war für Brandes mehr als bloße künstlerische Ausdrucksform; er empfand sie als fundamentale Grundlage des sozialen und politischen Lebens der menschlichen Gesellschaft. Mit diesem kritischen Maßstab trat er an ihre Schöpfungen heran und war durch solche Abstraktion imstande, sich über die sprachlichen, die Volksgrenzen hin wegzusetzen, die LiteraLur gewissermaßen zur Menschlichkcilssachc zu machen. Das literarische Wettbürgertum, das Brandes konstruierte, war eine seiner Antworten auf jenes ..Und er sähe, daß es gut war", das dem Klärer, Besserer und Bclchrcr nicht genügen konnte. Der ewige Rufer rief in die Well mit einer Stimme, doch viele Stimmen gaben Antwort; er wollte eine S p r a c he de s Geistes schaffen und kämpfte darum ein l eben lang, merkte nicht, daß der schaffende Geist der Well die vielen Stimmen braucht, aus denen er jene Harmonie bildet, die eine Ewigkeit verbürgt. In diesem vergeblichen Kampf um den einen Geist hat Brandes die schönsten, die stärksten Töne seiner vom heiligen Eifer durchklungenen Rede gefunden, wenn es galt, den Menschen ihr Unrecht gegen Menschen vorzuhalten. Er hat für die Dünen in dem nach 18(54 deutschen Schleswig die Kraft seines Wortes eingesetzt, seine Stimme war eine der ersten, die sich vor einem Vierleljahrhundert gegen die Verfolgungen der Juden in Rumänien und in Rußland erhob. Stets war der Widerhall gering, denn Brandes starkes Wort war zu schwach, weil es immer nur im Namen eines abstrakten Menschheitsideals zur Besserung rief. Diese konsequent logische Abslraklionsfähigkeit ist das tragische Erbe der jüdischen Entwurzelung, das auch dieser gewaltige, umfassende Geist übernehmen mußte, wie so viele vor, mit und nach ihm (Marx' soziale Kalaslrophenlogik ist auf demselben tragischen Fundament gebaut, desgleichen der sozialpolitische Abslraklionsirrlum L a s- Salles, dessen erster und vielleicht bester Biograph gerade Georg Brandes war). In Brandes' „E rinne r u n g e n" steht der Satz: „Würde ich nicht immer wieder an meine jüdische Abstammung erinnert, so könnte ich sie vergessen." Dieser Salz kennzeichnet die tragische Grenze seiner großen Abstraktion. Er mag auch vielleicht erklären, daß sich unter den Schriften Brandes' so viele über J ü d i s c h e s finden (außer dem schon erwähnten ,,Hiob"-Buch, Abhandlungen über das Bibelbuch ,.D er P r e d i g e r", über das ,,H oh c L i e d", eine Biographie D i s r a e 1 i s' u. v. a.). Der Mann der großen Menschheilsabslraktiou mußte sich Erinnerung fortschreiben, die seinen logisch unanfechtbaren Bau bedrängle. Der große Krieg, den Europas Wahnsinn herauf führte, hat in das logisch vollkommene Gebäude, das der große Menschhcitklärer errichtet halte, Sprünge und Risse gebracht, deren Unheilbarkeit der alte Mann vielleicht am schärfsten erkannte. Deshalb wohl kam ihm damals, als ich den Dreiundachtzigjährigen sprechen hörte, der Fluch so leicht auf die Lippen (im Innersten gegen sich selbst gekehrt), deshalb fand er gerade in den letzten Jahren seines Lebens jenes Verständnis lüi den neuen Weg des Volkes, dem er entstammte. Der das Schaffen, den Gott des Menschen, belehrt und gebessert, er suchte Belehrung, Lehre . . . Die Tragik eines Lebens, das in so umfassender Weile sich n u r d e n k e n d über eine Well spannt, daß es schwer ist, es nicht zu bewundern, gleich schwer — es zu bewundern.