Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 3 (März 1927)
- Article
- (Porträtfoto) [Illustration]
- Date
- 1927-03-01
- Page
- 139 (sequence 1)
- Language
- German
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GEORG BRANDES Nachwort zu einem Leben von SIEGFRIED SCHMITZ Im Palriarehenallcr, kurz nach seinem 85. Geburtstag, vollendete Maurice K o g a n, als Georg B randes von einer Welt geachtet und gefürchtet, sein Leben, in dem es kein Alter gab und — keine Jugend. Denn Alter ist Verzicht und den kannte Brandes nicht, Jugend aber Hingabe an die Schöpfung, und die war dem stets Vollendeten nicht gegeben. Leidenschaft loderte in ihm von seinen frühesten bis zu den spatesten Tagen (den Dreiundachtzigjährigen hörte ich, wie er — in einem Vortrag in Wien — Fluch über das politische Europa niederprasseln Heß, und er schien fähig, stünde ihm Bann zu Sinn und zu Gebot, ihn mitleidslos zu gebrauchen). Diese Leidenschaft aber kam nicht aus der Liebe zur Schöpfung, sondern aus dem Trieb, das Geschaffene noch einmal zu schaffen, besser, vollendeter, klarer. So war dieses lange Menschenleben ein ewiger Hader mit dem Schöpferischen, mit Gott, den Brandes so leidenschaftlich leugnete, weil jener eben —- bloß Schöpfer war, also umollkommen. Als 21jähriger Jüngling stand der Sproß einer Kopenhagener jüdischen Familie (die» wahrscheinlich zwei Generationen vorher aus Litauen zugewandert war) im Vordergrund des geistigen Lebens der dänischen Hauptstadt, als er in einer Schrift: „D i e Idee d e s G I ü c k s in de r a n l i k e n T r ag ö (I i c". den Schicksalsbegrifi' der Griechen rationalisierte, und 00 Jahre später legte er mit demselben rationalistischen Skalpell in seinem letzten größeren Werk: „Die C, h r i s t u s 1 e g e n d o"\ die logischen Schwächen des christlichen Mythos bloß -— im ersten wie im letzten Werk unversöhnlich gegen den „unlogischen" Frlrieb der Menschheit, Mythos zu schaffen, ohne den sie nicht leben kann. Zwischen diesen beiden Werken liegen 00 Jahre und fast ebensoviel Werke, aus Kampf, Erklärerdrang, Besserungstrieb geboren. „Die Menschen zu bessern und zu belehren", war der Sinn dieses stark tönenden Lebens, dem zum faustischen die Größe jener Sehnsucht fehlte, zum Augenblick zu sagen: „Verweile doch, du bist so schön. ' In die Spanne von Ol Jahren unermüdlicher geistiger Formulierung, die Brandes* Leben darstellt, ist alles zusammengedrängt, v. as von der Welt bekanntem Anbeginn bis heute sie bewegt: Leidenschaftlicher Kampf um die Freiheit der Wissenschaft gegen die Herrschaft der Religion (von jenem vor 00 Jahren erschienenen Buch: „Der D u a- 1 i s in us in d e r n e u e s i e n Phil o s op h i c", bis zu der Schrift: .,H i o b'\ die. rcligions- und philosophiekritisch zugleich, sich gegen die philosophische Ausdeutung des Legendenbegriffes wendet). Heftige Parteinahme, für den modernen Radikalismus in der Literatur gegen ihre romantischen Strömungen, in dem bis heule wertvollen sechsbändigen Werk: „D i e II a u p l s t r ö m u ng e n d e r L i I e r a t u r d e s 19. J a h rh u n d e r t s", in den Vorlesungen über die r v ss i s c h e Literatur der Gegenwart, die er in Petersburg hielt und durch die er Dostojewski ebenso den Weg nach Europa