Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 5 (1927)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1927)
- Article
- Ein jüdischer Mensch
- Date
- 1927-02-01
- Page
- 80 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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EIN JÜDISCHER MENSCH Reb Gumpel Es ist ein eigen Ding, auf jemand einen Nachruf zu halten, der sich stets nur darum sorgte, daß er nicht bekannt werde, der sich sein ganzes Leben lang vor der Öffentlichkeit zurückzuziehen suchte. Dieser Nachruf soll deshalb auch nicht in dem Maße Reb Gumpel selbst wie der Hoheit seiner Eigenschaften, seiner Bescheidenheit, seiner Frömmigkeit gelten. Das Lob gilt einer spezifisch jüdischen Bescheidenheit. Man hat sich bereits daran gewöhnt, die Juden als die sich Vordrängenden, Frechen, Listigen zu bezeichnen und es ist deshalb von Wert für die Allgemeinheit, mit der Schilderung dieser uns tatsächlich vorgelebten Bescheidenheit einen Beweis für die Hinfälligkeit des Vorwurfes gegen jüdisches Wesen zu erzielen. Reb Gumpel war in seiner Jugend kaufmännischer Angestellter, er hatte in Kopenhagen und Hamburg Lehrlings- und Beamtenstellen inne. Doch schon bald verließ er diesen Beruf, dessen Anforderungen sich mit seinen Überzeugungen nicht deckten. Er empfand es als unwürdig, Ware zu einem höheren Preise zu verkaufen, als einzukaufen. Und so sollte er Rabbiner werden; dank seiner umfassenden Thorakenntnis und seines gewaltigen Scharfsinnes boten sich ihm ehrenvolieRabbinatsposten. Jedes Engagement mußte Reb Gumpel jedoch ausschlagen, weil er es nicht über sich bringen konnte, einen Probevortrag zu halten. „Wie kann ich mich vor G'tt hinstellen und beten, von dem Gedanken erfüllt, nicht G'ttes, sondern der Menschen Wohlgefallen erregen zu wollen? Wie kann ich die Gemeinde dazu verleiten, auf meine Worte zu achten, statt in Andacht, unbekümmert um alle Umgebung, zu G'tt zu beten?" sagte er. So blieb er lieber bis an sein Lebensende Gemeindesekretär in Lübeck. Er war unverheiratet, weil er keinen Menschen sich um sich bemühen lassen wollte. Er gab keine öffentlichen Lehrvorträge, weil er damit den Rabbiner des Ortes zurückzusetzen glaubte. Ehrenamtlich waltete er als Baal Kaureh und als Vorbeter für die hohen Feiertage; er hatte beim Beten eine solche Andacht und sang so richtig und rein in allen Einzelheiten, daß jeder von seiner tiefen Erschütterung mit fortgerissen wurde. Die letzten Worte vor seinem Tode hat er an einen Sohn des Lübecker Rabbiners gerichtet, den er ins Zimmer rief, weil das Herz ihm pochte. Er fragte ihn, ob er wohl gegen das Wort der Weisen, sich statt auf die Seite, auf den Rücken legen dürfe. Er starb, wie er gelebt hatte, still und niemand belästigend. Reb Gumpel ist keine Normalerscheinung, kein Typus, der in jeder Hinsicht als Vorbild für alle Welt dienen könnte. „Die Gesamtheit kann nicht aus lauter Großen bestehen", sagt der Talmud Qtp -föyb hiy TDXn in den stillen Häusern des Ostens, unter den besten der Chassidim, findet man vielleicht ähnlich abgeklärte, leidenschaftslose Seelen. Daß in unserem rauhen „eisernen Zeitalter", in Deutschland, ein Mann wie Reb Gumpel leben konnte, zeigt die unerschöpfliche Macht des jüdischen Gemütes. Wie eine sanfte himmlische Melodie im Lärm der Straße erscheint diese Seele in der brutalen irdischen Hetzjagd unserer Zeit. Diese Erscheinung erlebt zu haben, ist unser Stolz. Hermann W. Cohn.