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Menorah · 1926-12-01 · Heft 12 (Dezember 1926) · p. Seite 720

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
4 (1926)
Issue
Heft 12 (Dezember 1926)
Article
Unsere Mutter
Date
1926-12-01
Page
Seite 720 (sequence 2)
Language
German
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720 MENORAH Lieber Papa! Mama habe ich schon öfter geschrieben, heute habe ich das Bedürfnis, Dir in kindlicher Liebe und tiefem Respekt zu nahen. Glaube aber nicht, daß der je so weit gehen könnte, daß ich Dir ,,Sie" sagen würde, das brächte ich nie zustande, nie und nimmer! So sehr wir Männer doch sonst zusammenhalten, in diesem Punkte stehe ich auf Seite meiner schlesischen Mutter. Und was ich will, das will ich. So zum Beispiel gefiel es mir, mittags ganz allein einzuschlafen, am Abend wollte ich aber eingeschläfert werden. Tante Rosa, meine Pensionsmutter, schmiß mich aufs Bett und sagte höhnisch: ,,Schrei' nur, da wird sich deine Lunge weiten." Glücklicherweise tat sie mir sonst nichts. Hilf mir, Papa, daß ich nicht immer das Geläpper trinken muß; paßt das für einen Magyaren? Gebt mir Gulyas mit recht viel Paprika! Dein lieber Wilmosz. Liebe Mama! Iß das verbrannte Zeug nicht, das Tante Dir schickt. Ich hab* mich so gefreut, daß die Torte zu braun geworden ist, ich hörte, wie sie es sagte und lachte laut und schlug in die Hände vor Vergnügen. Sie wußte aber nicht, daß mein Lachen ein schadenfrohes war und nahm mich auf und tanzte mit mir und sagte immerzu: ,,Du süßer Kerl!" Sitte und Anstand werde ich hier nicht lernen, das sehe ich schon, denn ich muß zum Beispiel noch immer die offenen Hemdchen tragen, die mir nur mehr meine breite Brust bedecken. Und wenn Du wüßtest, liebe Mama, wie despektierlich sie von Dir spricht! Ich war ganz entsetzt. „Deine Mama schreibt, ich soll dir die Ohren untersuchen lassen — Schmarrn! Es wäre nötiger, ihr den Kopf untersuchen zu lassen, auf ihren Verstand hin!" Und dabei machte sie ein so boshaftes Gefrieß. Sie hat mir Knorrsche Haferbrötchen gekauft, ich bin ja kein Pferd, das ihr Hafer fressen wird, wahrscheinlich ist Hafer billiger als Milch. Ich bitte Dich, liebe Mama, verbiete ihr, daß sie das weiße Gerät in den Park mitnimmt. Ein Herr, dem ich sehr gut zu gefallen schien, fragte, wer ich sei, und da saß ich gerade auf dem vermaledeiten T . . . Wie habe ich einen andern Buben beneidet, der tun konnte, wie er wollte. Chinin trink* ich nicht mehr, ich bin schon ganz gesund!" Viele Grüße von Deinem treuen Sohn Willi. Meine liebe Mama! Heute ist ein großer Tag für mich, es hat sich so viel ereignet, ich bin noch ganz betäubt von den Eindrücken. Um Dir alles zu erklären, muß ich ein bissei ausholen und auch die Politik berühren. Es wird Dir bekannt sein, daß der Erzherzog Ferdinand d'Este die schöne Gräfin Chotek mit der linken Hand geheiratet hat. Das Beispiel hat auf den jungen König Alexander von Serbien so gewirkt, daß er nun schnell die Maschin heiratet, die, wie Eingeweihte behaupten, nicht 42, sondern 46 Jahre alt ist. Dieses Beispiel hat wieder auf mich einen mächtigen Eindruck gemacht, und mich zu einem Entschlüsse gedrängt, der nie und nimmer rückgängig gemacht werden kann, gebt Euch also keine Mühe und ertragt mit Geduld, was unabänderlich ist. Ich habe nämlich heute früh um dreiviertel auf sechs der Julie, Tantes Köchin, mein Herz und meine Hand angetragen; Euch zuliebe heirate ich sie auch mit der linken Hand. Der Altersunterschied ist nicht viel größer als beim serbischen König und seiner Braut, und ich bin zwar ein Kronprinz, aber doch kein König. Ich hatte einen bösen Traum. Mir war, als läge ich im Großen Ozean, von allen Seiten stürmten die Wogen auf mich ein, schon wollten sie sich über meinem Haupte vereinigen, da erschien sie, die mein ganzes Sein erfüllt, Julie, und rettete mich (aus dem nassen Bett). Und da faßte ich den Entschluß, über den Ihr mir hoffentlich nicht gram sein werdet. Sie ist zwar ein Weib aus dem Volke, aber ihre Ahnen reichen weit zurück: als der berühmte Augiasstall gereinigt wurde, war ihr Ur-Ur-Urahn schon Unterstallknecht. Gebt mir also Euern Segen, sonst werde ich Euch, wie der König von Serbien seinen Eltern, vorlesen, daß Eltern sich da gar nicht hineinzumischen haben. Ich bin zwar noch jung, aber mein Verstand ist sicher so groß wie der des Königs von Serbien. Dein treuer Willi.

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