Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1926)
- Article
- Kunterbunt vom Büchertisch [Rezension]
- Date
- 1926-12-01
- Page
- Seite 718 (sequence 2)
- Language
- German
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- Odesa 1× ep/1000834
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718 MENORAH Bürgertums unter sehr phantastischen Begebenheiten. Unter die strenge Menschheit des Nordens führt der im historischen Milieu des 14. Jahrhunderts spielende Roman der Norwegerin Sigrid U ndsel: ,,K r i s t i n L a v ranstochte r" (Verlag Hütten & Loening, Frankfurt a. M.). Kindheit und Jugend einer unberührten Frauenseele, das Werden zum Weibe, die Mutterschaft allein durchlebt, Demut und Buße zieht, durchwoben mit lebensslnrkcn Schilderungen der Sitten der damaligen Zeit, an uns vorbei. Die Kolonialmacht Englands verdankt in den meisten Fällen ihr Entslehen dem Tatendurst einzelner Söhne seines Volkes. Von den Männern, die das Gebiet Nordamerikas der angelsächsischen Rasse erschlossen, hat K ap i t ä n J o h n S m i t h, einer der Kolonisaloren Virginiens, seine Erlebnisse in Tagebuchform festgehalten. Sein Bericht „U n t e r den I n d i a n e r n V i r g i n i e n s" (F. A. Brockhaus-Verlag, Leipzig) gibt Kunde von den Schwierigkeiten des Aufbaues einer der ersten englischen Kolonien in der neuen Welt und erscheint dem mit jüdischen Aufbauproblemen befaßten Leser in manchen psychologischen Voraussetzungen gar nicht so veraltet, sondern recht zeitgenössisch anzumuten. Daß die Tradition des kühnen Abenteurers in der amerikanischen Bevölkerung fortlebt, davon zeugt der überwältigende Erfolg des Romanos von Jack London: ,,L o c k r u f des Golde s" (Deutsch bei G r e t h 1 e i n & Co., Verlag Leipzig, Zürich). Die Zeiten des Goldfundes in Klondyke mit ihren romanhaft anmutenden und doch rauher Wirklichkeit entstammenden Charakteren und Schicksalen rollen wie ein lebensbunler Film ab. Das Schicksal eines Abenteurers ganz großen Formats zwingt uns in seinen Bann; sein Leben, das im übermenschlichen Format dem Drang nach dem Golde dient, um im Gelde die Macht zu erlangen, und der am Höhepunkt seiner Macht allem entsagt, um der familiengründendcii Liebe zu dienen. Vom bolschewikischen Rußland berichtet uns der Band ,,A p o k a l y p t i s c h e R e it e r" von David K o i g e n (Erich Reiß Verlag, Berlin). Die Bilder, die der Verfasser entrollt, hängen mit seinem persönlichen Schicksal zusammen. Gleichwohl wird man sie als einen werlvollen Beilrag zur Soziologie der bolschewikischen Revolution werten müssen. Dem jüdischen Leser sind die Kapitel über das Neuerwachen des religiösen Lebens in der Periode nach der Revolution und der ,,Zug nach Zion" besonders lesenswert. Die kleine enge Well des jüdischen Städtchens wird lebendig im heiler-ernslen Humor des Erzählers der ,.jüdischen Komödie" M e n d a 1 e M o i c h e r S f u r i m. Der soeben erschienene zweite Band seines Romanos „D e r W u n s c h r i n g" (Jüdischer Verlag, Berlin) ist wieder voll der sonderbarsten Geschöpfe, deren Erlebnisse dem wesljüdischen Leser unwirklich grotesk oder karikaturistisch verzerrt scheinen, während sie doch nur ein humorvoll gesehenes Bild der anormalen Proportion der Existenzbasis des Ostjuden zeichnen. Aus dem Städtchen hinaus, in die jüdische Großstadt drängt J. Babel, einer der jüngeren Generation russisch-jüdischer Erzähler, dessen ,,G e s c h i c h 1 e n a u s Odessa" im Malik-Verlag, Berlin, in deutscher Übersetzung erschienen sind. Hier lebt die bunte Fülle der Hafenstadt, die auf der verbreiterten Plattform alle Spielarten von Existenzen im jüdischen Milieu erwachsen läßt. Großkaufmann und Gelehrter, Handwerker und Straßenbandit — hier leben jüdische Menschen ein selbstverständliches jüdisches Leben. Packend die Kunst des Erzählers in den kleinen novellistisch geschilderten Begebenheiten. Noah.