Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 11 (November 1926)
- Article
- Der Maler Georg Merkel
- Date
- 1926-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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DER MALER GEORG MERKEL Von Josef Kalmer Hiezu Tafel A -VIII Im Herbst des Jahres 1917, als man sich trotz der „großen" Zeit auf die Seele zu besinnen begann und, der unharmonischen Zeit gemäß, dieser armen Seele durch expressionistische Dichtung und Malerei einen höchst unharmonischen Ausdruck gab, veröffentlichte der italienische Lyriker Papini eine Studie über Dichtung, in der er die folgenden prophetischen Worte schrieb: „Ich glaube, daß man zu einer Art Klassizismus zurückkehren wird — zu einem neuen Klassizismus, nämlich ohne Vorbilder und ohne Vorschriften, der aus allen Erfahrungen, Untersuchungen und Ergebnissen der Romantiker, Parnassianer, Symbolisten und Futuristen Vorteil ziehen wird — der aber in jeder Art Klassizismus sein wird, das heißt nacktes, kompaktes, überbewußtes Kunstwerk . . Ersetzt man in dieser Periode die Wörter Parnassianer und Symbolisten durch Akademiker und Kubisten, so wird das Ganze auch für die Malerei anwendbar — und ich hoffe, bald gezeigt zu haben, wie sehr die Behauptung vom Kommen des alle Erfahrungen auswertenden Klassizismus auf den Maler Merkel anwendbar wird. Georg Merkel, in Polen geboren, ist ungefähr 45 Jahre alt. Nach Absolvierung der Akademie, die ihm ein klassisches Ideal einimpfte, dem er bis heute t r e u geblieben ist, kam er nach Paris. Dort hat er sich an den Bildern der Claude Lorrain, Nicolas Poussin und Puvis de Chavannes begeistert. Er setzt die Linie dieser Malerei fort, sie gibt ihm die äußere Form, nicht aber die Farbe. Er übernimmt nicht wahllos, zeitlebens ist er ein kritischer, schwerer Arbeiter gewesen. Elemente, die er — aus dem Werk der Meister ableitend — verwendet, werden vollkommen entpersönlicht, erhalten schließlich rein Merkeische Prägung. Die Farbe hat schon ihre leuchtenden Finessen, doch liegt der Wert der Bilder noch mehr in der langsam, Schritt für Schritt, aus sämtlichen Erfahrungen der modernen Richtungen geschöpften Kunst, flächig zu komponieren. Denn Malerei ist — Aneinanderreihen farbiger Flächen. Erst nach Merkels Flucht nach Wien (1914) beginnt sein eigentlicher Kampf um Farbe und Raum. Er geht an die Entmaterialisierung der Farbe. Seine Art, aufzutragen, wird weicher; farbige Werte übergehen ineinander. Volumen wird nicht zeichnerisch (durch Kontur), sondern durch Farbe gegeben. Raum wird aus Farben gebaut. Die enimaterialisierte Farbe gibt mit der architektonischen, der Kraft zu komponieren, vereint: das Gemälde, das in sich so geschlossen und abgerundet ist, daß sein Rahmen nicht als Überraschung wirkt, daß es des Rahmens entraten könnte. Noch etwas zu seiner Themenwahl. Man denke sich in jene biblisch-bukolische Welt zurück, die den Größten der Malerei ihre Fabeln gegeben hat. Sie ist, nicht zum geringsten Teil, auch Merkels JdeenweU. Man könnte die von ihm geschaffenen Bilder, wollte man sie mit Titein versehen, was bei so rein malerischen Leistungen schwierig und ungehörig ist, ruhig mit Namen aus der Bibel oder Vergil benennen. Seine Landschaft, sein Städtebild, sein Porträt — immer hat Merkel die „liberle du sujet", die, vor und nach Courbet so oft mißverstanden, nur wirklichen Malern gegeben ist. Er ist kein billiger, kein Revolutionär um jeden Preis. Getreu der Pariser Tradition, in der er aufgewachsen ist, hat er sämtliche Erfahrungen der Moderne für die Erhaltung des nackten, kompakten, überbewußten -- also klassizistischen Kunstwerkes resorbiert und seinem Ideal assimiliert.