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Menorah · 1926-10-01 · Inhalt · p. Seite 598

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
4 (1926)
Issue
Inhalt
Article
Theater und Tanz in den italienischen Ghettis
Date
1926-10-01
Page
Seite 598 (sequence 3)
Language
German
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598 MENORAH Stück enthält eine an die Herren Vorsitzenden des Gemeinderates12) von einem „Jacob Dina e Compagni“ gerichtetes Ansuchen um die Erlaubnis, während der Purimwoche einige „komische Aufführungen“13) in „einem Zimmer unseres Ghetto“ aufführen zu dürfen. Die Bittsteller verpflichten sich, einige Soldaten der Sicherheit wegen als Wache zu bestellen. Am 31. März 1793 wendet sich Leon de Samuel Forti an die Gemeinde mit der Bitte, an einigen Abenden des Pessachfestes eine „tragedia sacra“ aufführen zu dürfen. Er und die Schauspieler wollen für den ruhigen Verlauf der Versammlung Gewähr leisten; sie wollen auch Soldaten und Wachleute bestellen. Der Gemeindevorstand könne den Frauen besondere Sitze anweisen; ja, es können sogar Sonderabende für Frauen gegeben werden. Einer von der Polizeibehörde der jüdischen Gemeinde am 18. Mai 1793 gemachten schriftlichen Mitteilung entnehmen wir, daß mehrere junge Leute die Absicht gehegt haben, jedes Jahr anläßlich der Pessachfeier, des Laubhütten- und des Purimfestes — letzteres wird als „Carnevale“ bezeichnet -— in „Privatform“ Tragödien und Komödien aufzuführen14). Was in dieser bescheidenen Sammlung von Urkunden auffällt, ist ein Gefühl der Angst — insbesondere seitens der Gemeindevertreter — vor Mißgeschick. Die tanz- und spiellustigen Bittsteller und die jeweiligen Gemeindevorsteher sehen sich vor jeder neuen Aufführung eines Schauspiels wie vor einen folgereichen Entschluß gestellt. Woher die Angst und ewige Besorgnis, ein Christ könnte an der Belustigung teilnehmen? All dies in einem Lande, das seit Jahrhunderten viele tüchtige jüdische Künstler und Musiker kannte15). Allein die vielen Befürchtungen waren nicht ganz unberechtigt. Über die Juden in Siena sollten bald schwere Tage kommen. Gewitter war im Anzug. Am 28. Juni 1799 führten blutdürstige Notablen aus Siena und Arezzo einen Ausbruch der Volkswut herbei. Dreizehn Juden wurden teils totgeschlagen, teils verbrannt16). Das Totenbuch der sienenischen Gemeinde verzeichnet unter der Nummer 172 einen Jacobbe Dina, der wahrscheinlich mit dem genannten Bittsteller um Erlaubnis zur Aufführung von Schauspielen identifiziert werden darf. Die Freudenklänge waren verrauscht: das Leben jener unschuldigen Menschen verfinsterte sich zur Tragödie. Anmerkungen: *) Vogelstein und Rieger, Geschichte der Juden in Rom, 11, 119. 2) Dasselbe, 121—122. ö) L. Blau, Leo Modenas Briefe und Schriftstücke, II. T., S. 154—155. — Über Portaleone siehe Kaufmann, Gesammelte Schriften, III, Register s. v. 4) Daselbst, S. 153. 6j Vogelstein und Rieger, daselbst, 201. 6) Siehe Näheres bei Friedmann in seiner Einleitung zu Thoftheh ’arukh des R. Moseh Zakkuth, Berlin, Ajanoth, iy22, S. 13—L4. ") Lewinsky’s Mitteilungen in Rivista Israelitiea. *) Berliner, Geschichte der Juden in Rom, II, 2, S. i<)7. 9) Wir verweisen auf folgende Stelle in Güdemanns Geschichte des Erziehungsxvesens und der Kultur der Juden in Italien, S. 20Uf: „Tanzen, selbst au Feiertagen, war so gewöhnlich, daß der fromme Jesaja der Jüngere aus Unvermögen, es abzustellen, davor die Augen zudriickt. Jakob Anatoli erlaubt dagegen diese Unterhaltung ausdrücklich, jedoch nur bei religiösen Feierlichkeiten“. Die Frommen verlangten jedoch eine Sonderung der Geschlechter. 10) Hier der Text : „Col consenso de SSri more horaah per(met)tono li SSri parnassim il Balo per la sera di purim limitato per tra bachurim ub’thuloth, e le Done amogliate (sic!; solo con lorj mariti, fratelli e cognati dovendo esser osservanti rigorosamente sotto cominatione di Libhre venti cera e di quele (sic!) magior pubbliche dimostrationi che parerano alli parnassim med. mi. 1I) Der Text lautet: Si concede lecenza alla Gioventü del Ghett di questa Cittä di poter tener oltre ia Comedia di Sabbato anebe la Domenica un Ballo per loro divertimento tutta la notte, e questo in Casa Movpurgo nel recinto del Ghetto: restando essa unitamente responsable di qualunque disordine. ia) Der offizielle Titel: Consiglio clfcll ’Universitä degli Ebrei di Siena. 18) Comiche rappresentanze. I4) Ausführlich wird darüber in einem von dem Justiz-Departement an den „Kanzler“ (Sekretär) der Gemeinde am 30. August 1793 gerichteten Briefe, in dem um Rückäußerung angesucht wird. Wir lassen das Schriftstück auszugweise fQlgen: „Molt ’llustre Signore Padrone Colendissimo, Estata umiiiata a S. A. R. una supplica (lagli Ebrei Leon Vita Romani (vielleicht ist Romanin zu lesen), Leon Vita Levi, Isac Servi, Giacobbe Vita Dina, Moise Abramo Cabibbe e Salomon De Medina, nella quäle domandano la facoltä di potere eseguire privatamente nel Ghetto die questa Cittä di Siena dieci recite di Tragedie e di Commedie per ciasehedun anno, parte nella Pasque dell’ Azzime, parte nella feste della Cappanne 6 parte in Carnevale e di ammettervi gratuitamente per mezzo di bigliefti quel numero di persone, di cui sarä capace la stanza che prescerranno, con obbligo <li prendere soldati .... Dal Dto .(-Depart.) di Giüstizia die Siena li 30. Agosto 1793. 15) Über jüdische Schauspielertruppen am Hofe der Gonzaga berichtet ausführlich Alessandro D’Ancona in seiner Geschichte des italienischen Theaters, über Musiker Ed. Birnbaum, Jüdische Musiker am Hole von Mantua von 1542—1028, Wien, 1893. lü) Über diese traurigen Ereignisse berichtet auf Grund reichhaltigen Archivmaterials J. Zoller, Per la storia ’del 28 giugno 1789 in Siena m „Rivista Israelitiea“, a. VH—VIII.

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