Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Inhalt
- Article
- Der böse Blick
- Date
- 1926-10-01
- Page
- Seite 565 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2912821-2912853-2912863-2912863-2918334--051-2918426- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
DER BÖSE BLICK 565 jüdisches Produkt ist, trotzdem er zumeist Juden und alten Weibern zugemutet und schlechtweg „Judenblick" genannt wird, so haben die Juden auch ihre Schutz- und Heilmittel gegen den bösen Blick von jenen Völkern übernommen, unter denen sie wohnten, nur wurden manche judaisiert. So zum Beispiel gebrauchen die Araber als Abwehrmittel die 'hamsa (Fünfzahl), die Form einer Hand mit den fünf Fingern. Diese wird den Knaben auf die Kopfbedeckung genäht, nur schreiben die Juden noch auf die Handfläche den Gottesnamen Schaddaj96). Die Tradition läßt Mose kein präventives Mittel gegen den bösen Blick anwenden, er begnügt sich mit dem einfachen Gebete. Als die Stiftshütte fertig war, segnete Mose das Volk mit den Worten (Ex 39, 43) : „Wollte Gott, daß euch kein böser Blick und euerem Werke kein Feind schade97). Wird man von einer Krankheit heimgesucht und ist — besonders bei Kindern — die Möglichkeit vorhanden, daß man es mit einem bösen Blick zu tun habe, so gibt es mehrere Mittel zur Feststellung der Diagnose. Man nehme zum Beispiel ein neues Messer und lege es dem Kranken ohne sein Wissen unter den Kopf. Wird das Messer rostig, so ist ein böser Blick da und man kann sogleich zur Behandlung schreiten. Man nimmt das Messer, schneidet damit von einem ganzen Brote ein Stück ab und gibt es einem Hunde, wenn der Kranke ein Mann, einer Hündin, wenn es eine Frau ist. Dies geschehe drei Tage hintereinander98). Ein alter frommer Christ, namens Lykomedes, dessen Weib schwer erkrankt war, jammert darüber, daß er beneidet werde und Feindesaugen hätten ihn getroffen; er kennt aber noch kein erprobtes Mittel, um das Übel zu bekämpfen99). Wir aber verfügen heute schon über eine Unzahl von Heilmitteln, die sich über das ganze Erdenrund verbreitet haben und bei allen Völkern, mitunter unbewußt, Aufnahme gefunden haben. Der Talmud erwähnt als Heilmittel gegen Krankheiten, die vom bösen Blick herrühren, das „laehasch" (beflüstern), das sich auch bei anderen Krankheiten gut bewährt habe100). Ein Mystiker läßt den R. Meir, der an einem bösen Blick erkrankte, so heilen, daß eine Frau ihm die Stirn ableckt, denn Speichel galt als das wirksamste Mittel gegen jeden Zauber101), während ein anderer behauptet, die Folgen des bösen Blickes könnten nur am Rüsttage des Rosch haschanah geheilt werden102). Je weiter die Kultur vordringt, desto weniger Raum bleibt dem Aberglauben, und viele Mütter wissen schon nicht, warum sie ihre Kinder mit grellen, roten und blauen Bändern, die Händchen und den Hals mit roten Perlen schmücken; viele wissen nicht, warum sie mit dem Finger klopfen, wenn sie sich über etwas lobend aussprechen, und nehmen es schon nicht genau, mit welchem Finger, ob unten oder auf den Tisch; sie wissen gar nicht, warum sie in solchem Falle „unberufen" oder „unbeschrien", auch „unverschrien" sagen, zumal sie die Bedeutung des Wortes nicht kennen. Beschreien oder Berufen ist der böse, neidische Blick und Neid führt den Tod herbei, doch nicht den des Beneideten, sondern den des Neidhammels. Dies mag der Sinn einer dunklen Stelle im Midrasch sein: Wie der Schächter