Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Inhalt
- Article
- Der böse Blick
- Date
- 1926-10-01
- Page
- Seite 556 (sequence 6)
- Language
- German
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556 MENORAH zusammengewachsen sind21). Da ein solcher nicht nur unter Menschen, sondern auch unter Tieren, Pflanzen und Mineralien Schaden anrichtet, wird gegen ihn große Vorsicht empfohlen. Man soll auf der Hut sein und von hundert Wegen abbiegen, um nicht einem bösäugigen Menschen zu begegnen. Denn ein solcher schadet selbst dann, wenn er keine böse Absicht hat Es ist daher ratsam, auch für die Tiere Vorsicht zu gebrauchen und wenn ein solcher Mensch in einem Stall gewesen ist, soll man sofort nach seinem Weggehen die Streu unter den Tieren zusammenfegen, damit das böse Auge ihnen nicht schade. Auch Mohammed sagt vom bösen Auge, es könne den Mann ins Grab bringen und des Kamels Schicksal beschleunigen22). Allgemein ist die Frau mehr veranlagt, mit dem bösen Auge Schaden anzurichten, als der Mann23). Allerdings bezieht sich dies auf unsere Mutter Sarah, die ihren Gästen gegen den Wunsch Abrahams nicht aus feinem, sondern minderwertigem Mehl Kuchen bereitete, daher ihr böses Auge eigentlich Engherzigkeit, Mißgunst bedeuten soll. Wir werden aber sehen, daß Sarah nicht in Verlegenheit kam, wenn es galt mit dem Blick ein Menschenleben auszulöschen, und so können wir feststellen, daß diese Eigenschaften miteinander eng verbunden sind. Neid, Geiz, böser Blick wirken stets gemeinsam ein. Zehn üble Eigenschaften hat der Aderlasser, zu denen auch der böse Blick gehört. Er schadet den Leuten mit dem Blicke, damit sie erkranken und so auf seine Behandlung angewiesen seien24). In der Vision Daniels (7, 8) bedeuten die ,, Augen wie Menschenaugen" am Hörne das römische Reich, das auf das Gut der Menschen einen bösen Blick wirft. Ist einer reich, so wird er zum Archon oder zum Ratsherrn ernannt, um dadurch leichter zu seinem Reichtum zu gelangen25). Den Judenblick betrachtete man in manchen Gegenden so wie den bösen Blick26). Wenn in der Speise ein Tropfen Milch ist, so kann ein Magier mit seinem Blick die Speise in Gift verwandeln27). Man soll in der Frühe beim Aufstehen nicht mit der ungewaschenen Hand über die Augen fahren, damit man mit dem Blicke anderen Menschen keinen Schaden verursache. Ein solcher Blick schadet dem Freunde und nützt dem Feinde28). Die Wirkung des bösen Blickes kann die Folge absichtlicher Bosheit, aber auch harmlosen, unschuldigen Anschauens sein. Man kann aus Neid jemanden absichtlich „beschreien", man kann aber auch andere Personen „berufen oder beäugen", wenn man sie bewundert, ohne dabei Gottes Namen auszusprechen. Wie wir sehen, ist Beschreien oder Berufen ein in Worten ausgedrückter böser Blick. Die Rede ruft dieselbe Wirkung hervor wie der böse Blick stillschweigend. Den alten jüdischen Quellen ist das Beschreien unbekannt. Bei den Arabern wird die Wirkung des bösen Blickes auf den Umstand zurückgeführt, daß bei einem von bösen Geistern bewohnten Menschen die Geister durch die Augen hinausfahren und so den Angeschauten beschädigen. Dies mag auch die Ursache der ungewaschenen Hand sein. Der vom Schlaf Erwachende ist nämlich auch nach jüdischer Auffassung mit bösen Geistern behaftet, von denen er erst durch das Waschen befreit wird. „Wenn der Mensch schläft," sagt Abraham Danzig, ,,schließt sich ihm