Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1926)
- Article
- Die Ethnographie der Juden
- Date
- 1926-06-01
- Page
- Seite 334 (sequence 1)
- Language
- German
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DIE ETHNOGRAPHIE DER JUDEN Von Dr. Sigmund Feist Vor einem Menschenalter glaubte man das Problem der Entstehung der jüdischen Rasse gelöst zu haben. Der Anthropologe Felix von Luschan hatte zu Anfang der Neunzigerjahre des vorigen Jahrhunderts die Theorie aufgestellt, das jüdische Volk sei in alter Zeit aus drei Elementen zusammengewachsen: dem semitischen, dem hethitischen und dem arischen Bestandteil. Genaue Vorstellungen, was wir uns unter diesen drei Rassen zu denken haben, besaß man damals noch weniger wie heute; aber „wo die Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein". Das semitische Element, das heißt mit anderen Worten die Mittelmeervarietät des homo europaeus, des „weißen" Menschen, konnte man bei einem Volk, dessen Sprache zur semitischen Familie gehörte, mit einiger Sicherheit voraussetzen. Es bildet auch heute noch bei den Juden, die im Umkreis des Mittelmeeres wohnen, den vorherrschenden Typus. Das hethitische Element erklärt sich aus der nahen Berührung mit den in Kleinasien beheimateten Hethitern, die verschiedentlich auch als in Palästina ansässig in der Bibel genannt werden. So kaufte Abraham die Höhle Machpelah von einem Hethiter namens Efron, oder dem in seinem Sold stehenden hethitischen Feldhauptmann Uria nahm König David sein Weib weg. Hethitischen Typus zeigen die auf dem schwarzen Obelisken Salmanassars II. (860 bis 825 v. Chr.) abgebildeten, Tribut bringenden Israeliten aus dem Nordreich. Dieselben Gesichter sieht man auch heute noch häufig unter den Juden. Soweit kann man v. Luschans Theorie demnach für begründet ansehen. Anders steht es um die Annahme der „arischen" Beimischung bei den Juden zur Zeit ihrer nationalen Selbständigkeit. Zwei stillschweigende Voraussetzungen werden hiebei gemacht: erstens, daß es auch im alten Palästina schon blonde und blauäugige Juden gab, wie unter den heutigen Juden, und zweitens, daß die Arier in ihrer Gesamtheit hellfarbig waren. Beide Annahmen sind aber unbeweisbar. Was die Rassenreinheit der Arier angeht — wenn das arische Stammvolk überhaupt hellfarbig war —, so ist nicht wahrscheinlich, daß sie dieselbe bei ihrer Ausbreitung über weite Strecken Asiens und Europas bewahrt haben. Wo wären denn die unterworfenen Völker hingekommen? Wenn also auch zur Zeit der Amarna-Briefe (Mitte des zweiten Jahrtausends) Dynasten mit arischen Namen in Palästina saßen, so wissen wir zunächst nicht, ob hinter diesen Aristokraten auch größere arische Volksmassen standen, von denen die Rasse der Kanaanäer erheblich beeinflußt werden konnte. War dies aber in der Tat der Fall, so bleibt immer noch die Frage offen, welcher Rasse diese arischen Scharen angehört haben. Denn die der Sprache nach unzweifelhaft arischen Meder und Perser waren schon zur Zeit Tiglatpilesers IV. (8. Jahrhundert v. Chr.) so dunkelfarbig wie heute, wie aus der Inschrift einer Siegessäule dieses Königs hervorgeht. Zumeist werden aber nicht die Arier der Amarna- Zeit, sondern die Amoriter (die Emori der Bibel) als die Träger des