Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1926)
- Article
- Das Haus
- Date
- 1926-05-01
- Page
- Seite 296 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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DAS HAUS Aus den Aufzeichnungen des Kreisphysikus Dr. E. Aus der Novelle von Ulrich Frank (Ulla Wolff-Frankfurter) ls ich den Rabbiner kennenlernte, offenbarte sich mir auf den /"V ersten Blick eine Persönlichkeit. Mittelgroß und kräftig, zur Behäbigkeit neigend, mit einem frischen, glatten Antlitz, dem leichter bläulicher Schimmer die Behandlung des Bartwuchses mit Aurum verriet, jener Masse, die bei den orthodoxen Juden das Rasiermesser ersetzt, das Gesicht aber wie rasiert erscheinen ließ. Ein kurzer, schmaler Backenbartstreifen begrenzte es. Und der Rabbiner war wirklich noch streng orthodox, trotzdem er neben der rabbinischen Autorisation die akademischen Weihen erworben, als einer der ersten Rabbiner, der eine regelmäßige Universitätsbildung genossen hatte. Natürlich war er ein Hegelianer wie die gesamte philosophische Jugend jener Zeit Das gab er mir schon in unserer ersten Unterredung zu erkennen, nicht ganz absichtslos. Der Mediziner, also der Naturwissenschaftler, sollte wissen, daß er es mit einem Manne zu tun hatte, der in den Geist der Weltweisheit eingedrungen war. Als wir später gute Freunde und ich der Hausarzt der Familie geworden war, gestand er mir das lachend zu. „Der Talmud und die Philosophie sind Denkverwandte, beide grüblerisch und am letzten Ende angelangt, immer vor dem Anfang stehend. Ich wollte mich Ihnen zu erkennen geben, Herr Doktor, damit Sie nicht auf falsche Fährte geraten, ich der Rabbiner von Bacharach...", er lachte mit einem prächtigen Lachen — „dabei ein begeisterter Anhänger von Hegels Lehre; von der Logik und ihren sittlichen und absoluten Begriffen." Was mich besonders anzog, war, daß er von der Theologie ausging. Es klang alles bescheiden und doch überlegen, und von Stund' an fühlte ich mich hingezogen zu dem herrlichen Menschen. Was wurde mir sein Haus! Als eine Pflegestätte vornehmster Gesittung und Gesinnung erwies es sich. Was dies in einer kleinen schlesischen Gemeinde bedeutete, lernte ich nach und nach begreifen, in meiner Eigenschaft als Arzt und als Christ. Ich bin mir nicht bewußt, jemals antisemitische Anschauungen gehegt zu haben, dort lernte ich sie verstehen, dort aber lernte ich sie — verachten. Der Rabbi betrachtete die Menschen freundlich, gütig, gewissermaßen liebevoll, die ihm, weiß Gott, nicht wenig zu schaffen machten, denn man muß wissen, daß in solchen kleinen Judengemeinden jeder