Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 4 (April 1926)
- Article
- Die stürmische Sedernacht
- Date
- 1926-04-01
- Page
- Seite 250 (sequence 1)
- Language
- German
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DIE STÜRMISCHE SEDERNACHT. Von Rosa Dukas. Seht, an diesen Pcsachlagen will es gar nicht Frühling werden. Es ist so kall und ganz umsonst blühen die blauen Veilchen und die Himmelsschlüssel; und ganz umsonst haben die Buchen oben am Bergwald grüne Blätter bekommen. Die Kinder müssen im Zimmer sitzen und sich die Zeit vertreiben, wie es geht. Meint ihr, das sei leicht? Es ist doch Chol-ha-moed Pesach und da arbeitel man nicht. Und ach, es ist alles so blitzblank, so sauber und so glänzend, so festtäglich und frisch, daß man gar nicht daran denken kann, im Zimmer herumzutollen und das alles in Unordnung zu bringen. Nun kommt auf einmal ein Hagelschauer, und jetzt ist auch die letzte Hoffnung verschwunden, daß man im Abendschein am Bergwald Blumensträuße und grüne Zweige holen könnte. — Wie es nun aber so ganz sicher ist, daß die Kinder im Zimmer bleiben werden, macht sich die Großmutter bereit, eine Geschichte zu erzählen. Die gute Großmutter! Solange noch das geringste Hoffnungsstrählchen war, daß die Kinder hinauskonnten, hat sie fein slill geschwiegen; nun aber beginnt sie und die Kinder hören ihr mäuschenstille zu. „Als ich ein kleines Mädchen war, da ist auch einmal ein so kaller Pesach gewesen. Aber es war noch viel schlimmer wie jetzt; im Hof lag hoher Schnee, als wir den Ghomez verbrannten; der Vater selig sagte, das sei seit Menschengedenken nicht vorgekommen. Wir wohnten damals in Gründlingen, das sind drei Wegstunden von hier, über dem Gebirge. Meine Ellern hallen ein kleines Haus; es stand an einem Bergabhang und hinter dem Haus war ein großer Garten mit vielen Obstbäumen und einem schönen Gartenhaus. Vom Garten konnte man über eine Wiese direkt in den Wald kommen. In der Sedernacht kam ein entsetzlicher Sturm, der die Schornsleine herunterriß und im Wald die Bäume fällte. Wir saßen am Sedertisch, der Vater, die Müller, der Großvater selig und ich, in der guten Wohnstube, die auf den Garten hinausging. Die Gewalt des Sturmes wurde so groß, daß der Luftzug, der durch die Tür- und Fenstern tzen eindrang, die Sehabbcslampe so stark schaukelte, daß das öl überfloß und mitten in das Cherauses fiel. Als man nun zum Holachmoh anjo kam und wir alle um den Tisch standen und die Sederschüssel in die Höhe hielten, kam ein so furchtbarer Windstoß vom Gebirge herunter, daß die Tür aufsprang und der hereinfegende Sturm die Schabbeslampe auslöschte. Im Dunkel sagten wir dann das Holachmoh anjo zu Ende, ganz laut, daß wir das Sturmgeheul übertönten. Die Lampe wurde dann wieder angezündet, aber wir waren alle schweren und erschreckten Herzens und es wollte keine frohe Stimmung aufkommen. Und als man dann zum <* schefoch chamoscho el hagoim kam, wo ich sonst immer die Tür weit aufmachen mußte, da getrauten wir uns nicht, es zu tun. Oh, es war ein schlimmer Seder und wir gingen, kaum als wir den Chadgadjah gesungen hatten, zu Betl. Am zweiten Tag Jomtof saß ich beim Großvater selig in der Wohnstube; der Vater und die Mutter selig waren zu Bekannten gegangen. Da sagte der Großvater auf einmal zu mir: ,,Nun werde ich bald im Gan Eden sein." Der Großvater sprach nämlich zu mir mancherlei, was er zu anderen nicht sagte. „Kinder", meinte er, „verstehen manches besser wie die Großen." Ich fragte ihn: „Wieso weißt du, Großvater, daß du bald im Gan Eden sein wirst?" Und da erzählte er: „In der Sedernacht, als beim Holachmoh anjo die Tür aufsprang und die Schabbeslampe verlöscht ist, da kam der Malech hamowes hereingeschritten, stellte sich neben mich und half mir mit seiner Hand die Sederschüssel hallen; auch das Holachmoh anjo sprach er mit