Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 4 (April 1926)
- Article
- Mein Weg
- Date
- 1926-04-01
- Page
- Seite 220 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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220 MENORAH In Wien war ich zuerst zwei Jahre an der graphischen Lehr- und Versuchsanstalt als Zeichen- und Malschüler, dann sechs Jahre an der Kunstakademie in Stuttgart, dann kamen größere Studienreisen nach Paris und Italien — auf einmal gab's Krieg, ich sauste traurig zur Fahne. Versäumt habe ich nicht einen Tag des Weltkrieges. Als Artillerieoffizier ging ich wieder heim. Viel Herzleid haben mir diese Jahre gemacht. So groß ist keine Sünde, daß ich sie damals nicht gebüßt hätte. Zwischendurch war ich auch ein Semester an der Wiener Kunstakademie. In Paris und Venedig, in Wien und Berlin, und anderswo, bestaunte ich in Demut das gewaltige Können anderer. Dann ging ich selber durch Mühsal und Entbehrungen den Weg der Arbeit und lernte an den Zufälligkeiten des Lebens. Je höher der Gipfel ragt, der erstiegen ist, um so mehr unbezwungenes Land wird erkennbar. Bis jetzt fand ich noch keine Zeit von „großen Taten" zu träumen. Ich quäle mich gerade damit, die „kleinen" zu vollbringen. Seit Jahren lebe und male ich in Stuttgart. Meine Frau sieht geduldig zu. m den Menschen richtig zu verstehen, muß man sein Ende vor- 1>_) weg nehmen: Sie starb 32 jährig mit dem frohen Bewußtsein: es ist gut wegzugehen, solang' es noch schön ist. Die Kindheit war behütet, sonnig, sorgenlos. Das Elternhaus brachte geistige, religiöse und soziale Einstellung. All dies wurde intensiv bis zu ihrem Ende in ihrer Kunst betätigt. Zeichnerische Begabung zeigte sich schon früh — doch wurde diese zunächst nur dilettantisch ausgewertet. Mit dem Reiferwerden rang sich die zwingende Selbstverständlichkeit zum Beruf der Malerin durch. Eine Reise nach Italien, Studienjahre in München, Paris, Karlsruhe und Stuttgart vertieften ihr Können. Eine Reise nach Palästina erfüllte ihre Jugendsehnsucht nach dem Lande und gab ihr den bestimmten Vorsatz, ihr Leben dort aufzubauen — im Rahmen ihres Könnens dort mitzuhelfen. Ein Studienwinter in Darmstadt, strengstes Einarbeiten auf dem ihr neuen Gebiete des Kunstgewerbes, sollte ihr dazu verhelfen. Der Weltkrieg verhinderte die Ausführung dieser Pläne. Eine Reise nach Livland, die sie abbrach, weil sie „nicht prassen konnte, während die ihren hungern", erfolgte zwei Jahre vor ihrem Tode. Die Revolutionszeit verbrachte sie in Berlin, wo der Tod einem nur der Idee dienenden Leben den Abschluß gab. Mely Joseph