Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1926)
- Article
- Der Traumsiedler
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 47 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2912821-2912853-2912855-2916744--02670-2916855- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
DER TRAUMSIEDLER 47 Bis die Schleuse fertig ist, sickert das Wasser durch. Ich sage kein Wort, nur schwinge ich mein Werkzeug flinker. So will ich seine Behauptung entkräften. Er arbeitet gleichfalls mit gesteigertem Eifer. Als wollte er sein Wort auch widerlegen: es sei nicht wahr, daß der Kleinmut uns gleich unterkriegt. Wir möchten jetzt der Arbeit das Tempo diktieren. Aber es geht nicht. Wir sind tiefliegende Segel dieser trägen Windmühle; es liegt nicht mehr in uns. Drüben rührt sich kaum etwas. Wir erschlaffen wieder. — Und doch muß es sein — sagt Iljitschka plötzlich, und sein Wort ist hart. — Es muß sein! Wir müssen uns retten, sonst gehen wir unter. Und sie mit. Dabei breitet er seine Arme gegen die ferne Erde aus und wiederholt es: — Auch sie. Solange wir konnten, waren wir dort draußen unter ihnen. Wir waren die Verneinung jenes Seins und das „Verderben". So brachten wir sie vorwärts. .. Einer unserer Brüder verkündete die Liebe, aber wir verleugneten ihn. Die anderen verleugneten ihn allmählich auch; aber über die Verneinung kamen sie zu ihm . .. Ein anderer Bruder suchte die Gottheit im Baum, im Stein, im Gras und in der Luft. Wir verleugneten ihn... Einer fand einen neuen Glauben: den Zweifel. Wir zweifelten auch an diesen, aber so mancher Mensch kommt zu ihnen. Und ein anderer Bruder wieder ließ seinen Weckruf erschallen an die Bewohner der Keller, an die Sklaven in den Fabriken und an die mondsüchtigen Zimmerleute auf den Gerüsten. Wir verleugneten ihn. Aber die Welt kommt zu ihm. Über Blut und Qualen. Nein, es hilft nichts. Auch hier nicht. Die draußen bleiben, sind unrettbar. Sie vergehen spurlos. Sie müssen also herkommen, hieher, um ihre Glieder zu strecken, ihre Brust zu dehnen, ihr Herz und ihr Gehirn ausruhen zu lassen. Er merkte nicht, daß Isa hinter seinem Rücken stand und ihn beobachtete. Er fuhr fort: — Erde, Erde, vielleicht wäre es gleichviel, ob hier oder in einem anderen Winkel der Welt. Sie brauchen einen Halt. Bekommen sie aber einen fruchtbaren Boden, so wird Unentschlossenheit in ihnen großgezogen. Sie brauchen dieses öde Weiß, diese Sandwüste, diesen Morast... den Kampf, um schaffen zu können. Und diese Hitze. Diesen milden Frühling und den tiefen Himmel. Hier sprießen andere Blumen und blühen andere Bedenken. Hier spornen auch die Väter an. Und die Erde, die Vergangenheit, die Luft. Er blickte seitwärts und gewahrte Isa. Isa, als wäre sie erst jetzt