Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 4 (1926)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1926)
- Article
- Georg Ehrlich
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 24 (sequence 2)
- Language
- German
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24 MENORAH „Expressionist" gewesen wie der oder jener, hat sich durch keinen Kubismus zu monumentaler Klassizität durchgekämpft wie der oder jener, hat nie die notwendige Naivität des Künstlertums im Dadaismus erwiesen wie der oder jener. Er ist überhaupt nirgends eingeschworen und festgelegt, schon weil er Menschsein vom Schaffen nicht trennen kann und sein Schaffen darum immer er selbst und ganz allein er selbst bleiben muß. Georg Ehrlich ist kein Genie — und wenn er vielleicht doch etwas von einem Genie mitbekommen hat — welcher begabte junge Wiener hätte das nicht?! — so wußte er es streng in seine Arbeit einzusenken, in die zäh erkämpfte, sicher gefundene Leistung. Dieses gesegnete Manko — diese negative Bereicherung seines Künstlertums waren von Anfang an die Gewähr, daß dieses Wunderkind des Könnens und des Erfolges — schon der Zweiundzwanzigjährige galt ein Meister — die kritischen Jahre überwinden würde. Heute ist er glücklich über den Berg; seine Selbstzucht hat ihm dabei geholfen. Proben dieser Selbstzucht nenne ich die Zeichnungen der Schauspielerinnen Grete Jacobsen und Helene Thimig, die in sachlicher Auseinandersetzung mit dem Modell gearbeitet wurden. Es ist die letzte Hingabe an die Außenwelt, in der der Künstler sich zum dienenden Werkzeug des Eindrucks macht. Der große Kopf der Schauspielerin Grete Jacobsen in seiner nahgerückten Lebensfülle und doch zurückgehalten bis in das letzte, feinste Schweben des Ausdrucks. Das ist die Selbstzucht, die den eigenen Willen unterdrückt. Nur wer sich so zusammenzuhalten weiß, der lernt die Mittel beherrschen. Der beherrscht die Mittel, wenn er sie frei gebrauchen will. In der Vision „Liebespaar" genügen ein paar nervöse Striche, um das tiefste Gefühl zu gestalten. Und in der anderen Zeichnung „Angstvolles Mädchen" ist die Vision in das Symbol gesteigert. Georg Ehrlich hat die Schauspielerin Elisabeth Bergner oft und oft gezeichnet; sie ist ihm der Typus geworden, in dem er jeden Ausdruck zur Gestaltung bringt. Aber Elisabeth Bergner kann nicht ihre Persönlichkeit in einen Typus schlechthin erweitern — verlieren. Die große Schauspielerin ist ein zu starker Mensch dazu. Auch als Typus bleibt sie immer sie selbst, bleibt immer — das Modell, das der Künstler wieder und immer wieder neu studieren muß. So ist das Blatt Symbol geworden. Elisabeth Bergner mit den hochgezogenen Schultern; einsam, verzweifelt; Kind und Verlassene — und das alles in verhaltener Stille. Sie sieht den Künstler nicht. Der steht hinten irgendwo und zeichnet sie.