Mannheim
Compact Memory

Menorah · 1925-12-01 · Heft 12 (Dezember 1925) · p. Seite 271

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
3 (1925)
Issue
Heft 12 (Dezember 1925)
Article
Unsere Mutter
Date
1925-12-01
Page
Seite 271 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2912821-2912840-2912852-2916599--02551-2916669
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

MENORAH 271 LS JE 17 IAJ Unsere Mutter Von A. K. (8. Fortsetzung.) Herr K. versetzte: „Ich habe selten im Leben so genußreiche Stunden verbracht, wie d:e mit Ihnen; natürlich möchte ich den Genuß verlängern. Gnädige Frau, schenken Sic mir einen Tag! Ich werde Ihnen Budapest zeigen und alles tun, Ihnen den Tag interessant und anregend zu gestalten. Bei Ihren Kindern werden Sie noch zeitig genug eintreffen — bei denen ist es sicher langweilig. Schlagen Sie mir meine Bitte nicht ab, Sie werden es nicht bereuen, und ich verlange als Entschädigung nur, daß Sic weiter so reizend plaudern wie bisher." Mutter schenkte ihm natürlich den Tag nicht, sondern fuhr direkt zu ihren Kindern, aber sie erzählte noch nach Jahren dieses Abenteuer. Sie konnte kein Unrecht leiden und war immer auf der Seite des Schwachen, Mißhandelten. Einmal reiste sie zusammen mit der Gattin eines berühmten Gelehrten nach Franzensbad. Den beiden gegenüber saß auf der Fahrt ein junges Mädchen, dem äußeren Anschein nach etwa eine Kindergärtnerin. Die Reisegefährtin meiner Mutter — damals gab es noch keinen Speisewagen und man mußte sich Proviant mitnehmen — aß wie alle anderen Passagiere mehrmals im Tage von ihrem kalten Braien und trank öfter einen Schluck Rotwein dazu. Nun bemerkte meine Mutter, daß sie jedesmal, wenn sie den Wein in ihr G'as goß, che Flasche möglichst weit von sich weg, und zwar gerade über dem Kleide des jungen Mädchens hielt, das schützend die Hand ausstreckte: sie war offenbar zu ängstlich und schüchtern, um sich diesen Mißbrauch zu verbieien. Einmal, zwe<mal ließ Mutter es ruhig hingehen; das drittemal konnte sie nicht länger an sich halten und machte ihrer Reisegefährtin Vorwürfe. „Ich sehe, daß es kein Zufall ist, wie ich anfangs glauben mußte", hielt sie ihr vor, „wie kann man nur solches Unrecht tun? Wie dürfen Sie mit Ihrem Wein das Kleid einer andern ruinieren? Das finde ich unerhört." Dankbar blickte das junge Mädchen meine Mutter an, da hielt Mutter auch ihr eine Standrede, sagte ihr, es sei sehr schön, wenn ein junges Mädchen bescheiden sei, es sei auch schöner, Unrecht zu leiden als Unrecht zu tun, aber vergewaltigen dürfe man sich nie lassen, wo käme man denn sonst hin im Leben. Mutters Reisegefährlin war natürl:ch sehr pikiert; trotzdem beschwor sie Mutter, als sie am folgenden Morgen in Franzensbad Wohnung suchten, mit ihr zusammen zwei Zimmer, ein großes Schlafzimmer und einen kleinen Salon, zu nehmen. Mutter lehnte jedoch ab. „Ich hatte wohl die Absicht," sagte sie, „aber die Episode mit dem jungen Mädchen hat mich eines Bessern belehrt. Ich b'n ke'ne Egoistin und würde sicher den Kürzeren ziehen, ich würde mich aufregen, und meine Kur wäre in Frage gestellt. Ich br'nge aber das größte Opfer, wenn ich meine hamilie für sechs lange Wochen verlasse, ich m u ß mich a'so gründlich erholen. Glauben S.e mir, es ist besser, wir wohnen getrennt und sind immer beisammen. Wir würden sonst nur auseinandergeraten, und wir sind doch zu dem Zwecke miteinander gereist, die Zeit gemeinsam zu verbringen und wieder zusammen nach Hause zurückzukehren. Das wird nur möglich sein, wenn wir getrennt wohnen und nicht viel Reibungsflächen haben." Und dabei blieb es. 8. Kapitel MUTTER ALS GESCHÄFTSFRAU So lange ich zurückdenke, stand Mutter dem Vater nach Kräften im Geschäft bei. In den guten alten Zeiten kam es öfter vor, daß ein Fabrikant zu Vater schickte, er möchte ihm doch rasch paar Zentner feiner Wolle „anstellen"; das war der technische Ausdruck für „offerieren". Nun war aber Vater oft verreist: auf der Auktion in Breslau oder bei der Schur in Ungarn oder Rußland. Die Schlüssel der großen Magazine, in denen die Wolle lagerte, waren in einer Lade von Vaters Schreibtisch; die Muster, hübsch in komblumenb'aucs Papier in kleinen Rollen eingepackt, in einem offenen Kasten in Vaters Zimmer, das aber kein ausgesprochenes Bureau war. Wie mußte Mutter in das Geschäft eingeweiht und in den einzelnen Wollsorten bewandert sein, wenn sie da sofort die richtige Wahl traf und die Muster — durch das Dienstmädchen! — hinschicken und sich erbieten konnte, zu einer vom Käufer zu bestimmen den Stunde im Magazin mit ihm zusammenzutreffen, um ihm dort die ganzen Ballen zu zeigen, wenn er sich mit dem einen oder andern Muster einverstanden erklärt hatte. Oft wurde das Geschäft auf der Stelle ab geschlossen, die Ballen wurden abgewogen, die beiden Schröter Va:ers, der „Matschek" und der „Woitek", besorgten das und führten die Riescnballen auch g'eich in die Fabrik. Immer, wenn Vater fortfuhr, instruierte er Mutter genau über die wichtigsten Dinge, erbat sich ein Telegramm — sebstverständlich schrieb Mutter ihm täglich —- falls sie sich nicht selber Rat wußte, und niemals war er unzufrieden mit seiner Stellvertreterin. Im Gegenteil. Er war so gar nicht demonstrativ, der gute Vater, daß er in solchen Fällen wenig sprach, ich sehe ihn nur immer vor mir, wie er beglückt schmunzelte, nachdem Mutter ihm genau Bericht erstattet hatte. So oft ich an die geschäftliche Tätigkeit Mutters in dieser Richtung denke, überkommt mich d e deutliche Empfindung, daß sie ihr nicht sehr angenehm war; sie leugnete es übrigens auch nicht, sondern gestand es einmal ganz direkt. Den Grund weiß ich nicht, aber ich vermute, daß er in einer unangenehmen Erfahrung gelegentlich eines Geschäftsabschlusses in Vaters Abwesenheit zu suchen ist. Vielleicht nahm sich der betreffende Käufer etwas gegen sie heraus? Bezeichnend ist, daß sie trotzdem nie den leisesten Versuch machte, sich ihrer Pflicht zu entziehen. Und Vater war nichts weniger als ein Tyrann und hätte unbedingt ohne Zögern auf ihre Mithilfe verzichtet, wenn sie ihrer Unlust Ausdruck gegeben hätte. Aber so war sie. Was sie als ihre Pflicht erkannte, das tat sie unentwegt, mit eiserner Entschlossenheit. Einmal unternahm Mutter die beschwerliche Reise nach Lodz, erstens um einer Nichte — der Tochter Tante Seidens, der sie das heilige Versprechen gegeben hatte, nötigenfalls einem Rufe zu fo'gen — mit Rat und Tat beizustehen, dann, um eine geschäftliche Angelegenheit dort zu ordnen, von deren richtiger Abwicklung viel abhing. Vater war damals krank gewesen und wenig erholt aus Karlsbad heimgekehrt und durfte die Reise nach dem Ausspruch des Hausarztes nicht machen, weil die Befolgung der vorgeschriebenen Diät unerläßlich war. Mit Instruktionen und Empfehlungsbriefen ausgerüstet, machte sich Mutter tapfer auf den Weg. Brauche ich erst hinzuzufügen, daß sie beide Aufgaben zur vollsten Zufriedenheit der Beteiligten löste? Noch nach Jahren schmunzelte Vater, der nicht wenig stolz war auf seintgescheite Frau, wenn der Reise Erwähnung getan wurde: viele Tausende, die man schon verloren geglaubt, hat.e Mutter damals hereingebracht. Ich mochte ein Jahr verheiratet gewesen sein, als Mutter mir schrieb, sie müsse geschäftlich nach Wien kommen. Es war eine ähn'iche Mission wie die, die s e damals nach Heiratslustige, I . \re Ehepaare und Hausfrauen kaufen jetzt Chiffone, Wäschebatiste, Leinenw.iren, Bett- und Tischwäsche zu sensationellen billigen Preisen bei Kann & Fried WIEN, VI., Linke Wienzelle 40 (im Hofe).

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.