Menorah
- Journal
- Menorah
- Volume
- 3 (1925)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1925)
- Article
- Arnold Zweig: Lessing, Kleist, Büchner [Rezension]
- Date
- 1925-12-01
- Page
- Seite 270 (sequence 1)
- Language
- German
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270 MENORAH ARNOLD ZWEIG: LESSING, KLEIST, BÜCHNER. Drei Versuche. J. M. Spaeth-Verlag, Berlin. In drei breit angelegten, straff gegliederten Versuchen gibt Arnold Zweig, als Erzähler und Drama iker gut bewiesen und als Kritiker aus Aufsätzen in Zeitschriften und Sammelbüchern woh'bekannt, von innen her leidenschaftlich ergriffene Lebensbilder dreier klassischer Dichter, typischer Repräsentanten deutscher Dramatik, deren künstlerische Art von e:ner bestimmten drama'i?chen Lime her. der Shakespearelinie innerhalb der europäischen Entwicklung, bestimmt wird. Aber der eigentliche Gegenstand dieses ungewöhnlichen Buches, dessen drei Kapitel spannend zu lesen s:nd, wie Novellen und aufschlußreicher als dicke Biographien, ist das Drama als Form — genauer gesagt: der Kampf dreier Gestalten um das deutsche Drama. So s eht in der Mitte des Buches, völlig neugesehen und eingehender Beschäf igung würd'g, in Thesen gefaßt eine geistige Biologie des Dramas, von der aus a'le se'ne Faktoren: Dichtung. Schauspieler, Bühne, Zuschauermasse, Kritik und Theater in neuem Relief hervortreten. Allein schon diese Darstellung des Dramas unter der hohen Perspektive geschlossener Kulturkreise. d;e von den wechselnden Inhalten des Schicksa'empnndens*' beschattet werden, gibt diesem Buche einen unverwechse'baren Char?k er und, wenn wir ircht irren, dauernden Wert. Die Fülle aber an dramaturgisch neu gesehenen Hinweisen auf das, was Drama als Form verlangt und kennzeichnet, die hohe Sachlichkeit und Unabhängigkeit des Blickes und die von pulsender Teilnahme gesneiste Einheitlichkeit dichterischen Sehens sollte „Lessing, Kleist, Büchner'* zu einem Vademekum für jeden machen, der aus Beruf und Leidenschaft in der Sphäre des deutschen Dramas lebt. Sorgfältigs e Ausstattung, mäßiger Preis und geistiger Rang geben d:eser ersten kritischen Veröffentlichung des jungen J. M. Spaeth'schen Verlages unter Werken ähnlicher Art einen ausgezeichneten Ort. E. A. POWELL: MIT AUTO UND KAMEL ZUM PFAUENTHRON; HAARDT-DUBREUIL: DIE ER¬ STE DURCHQUERUNG DER SA¬ HARA IM AUTOMOBIL; Beide im Kurt Vohwinkel-Verlag, Berlin- Grunewald. In Geographie ist augenblicklich Hochkonjunktur. Reisebeschreibungen, sogar solche auf wissenschaftlicher Basis, bilden Lesestoff, nach dem der Großstädter dieser Zeit, der dem betriebsamen Leben seiner Tage auf Augenblicke in ersehnte exotischere Gegenden gerne entfliehen möchte, mit Heißhunger greift. Die Ossendowskischen Nachfahren Karl Mays erleben Höchstauflagen phantastischer Größe; mögen sie auch Büchern, die verantwortlicher, seriöser geschrieben wurden, beschieden sein. Zu diesen zähle ich Powells Bericht von seiner Reise durch Syrien und die Wüste nach Persien. Powell ist amerikanischer Offizier, der als Sportsmann, was aber wahrscheinlich heißt: als Geheimagent des amerikanischen Petroleumkapitals diese interessante und nicht ungefährliche Reise unternommen hat. Es ist sein Bericht keine Reisebeschreibung, die auf oberflächliche Sensationsgier des Durchschnittslesers Rücksicht nimmt; dieser Amerikaner ist Politiker durch und durch. So liest sich dieses Buch stellenweise wie ein hochinteressantes politisches Dokument, gegen das nur vom Standpunkt des Juden ein Einwand zu erheben ist: der Einwand, daß antisemitische, antizionistische Voreingenommenheit, die glaubt, eine falsch verstandene arabische Sache durch ausschließliche Berücksichtigung des berüchtigten Haycraftberichr.es zu fördern, den Blick trüben muß und die Objektivität distanzierten Berichtens einschränkt. Was aber der Autor anderseits an folkloristischem Material, an Landschaftsschilderungen und an geschichtlichen Notizen bringt, liest sich in der außerordentlich präzisen, kühl über den Dingen stehenden Weise, wie eine spannende, nirgends unwahrscheinlich werdende Erzählung. Die glänzende Art zu beobachten, die diesem Amerikaner eigen ist, läßt seine völlig unromantische, stets amerikanische, besser gesagt: wesenhaft-okzidentalc Einstellung, die mitunter sogar nach ,,Prestigepolitik" im Leben des Einzelnen dem Native gegenüber tendiert, vergessen. Das Buch informiert — ausgenommen über Palästina, wo er, sei es aus Abneigung, sei es aus Mangel an Ölvorkommen, keine Kolonie besuchte — und das ist sein Zweck, den zu erreichen ihm die interessanten Bildbeilagen ermöglichen. Eine weit gleichgültigere Angelegenheit ist das Buch der beiden Franzosen, die durchaus an der Oberfläche der Dinge haften bleiben. Karge Beobachtungen sind von einem etwas penetranten Patriotismus durchsetzt, durch den dieser minderwertige Bericht einer interessanten Reise einer auf Kriegs- und Nachkriegspatriotismus eingestellten französischen Gesellschaft schmackhaft serviert werden soll. Die Überheblichkeit des Ingenieurmenschen über den Primitiven, Naturnahen, die nie den Versuch erlaubt, der Mentalität des Eingeborenen nahezukommen und ihn stets nur als Ob,ekt, als Ziel imperialistischer Tendenzen kennt, würde sogar einen besseren Bericht als den vorliegenden, se.bst wenn das Deutsch seiner Übersetzung einwandfreier wäre, widerlich erscheinen lassen. Die Ausstattung der beiden Bücher, die verhältnismäßig billig sind, ist ihrer vornehmgeschmackvollen dauerhaften Einfachheit wegen zu loben. Hoeflich. JÜDISCHER ALMANACH AUF DAS JAHR 5686 (1925/26). Wien 1925. Herausgegeben von Ludwig Bato und Martha Hofmann. Eine begrüßenswerte Neuerscheinung. Denn eine auch weiteren Kreisen zugängliche, aus Werken namhafter jüdischer Dichter und Schriftsteller mit sicherem Geschmack geschaffene Auswahl, geeignet, einen Überbl.ck zu geben, über den Anteil jüdischen Geistes am Kulturleben unserer Zeit — in Verbindung sowohl mit einer Chronik als auch Berichten über aktuelle, für die jüdische Allgemeinheit wichtige oder zumindest interessante Ereignisse, dürfte wohl eine bisher bestandene Lücke ausfüllen. Gerade in einer Zeit, in der weite Kreise des Judentums, wenn schon nicht aus innerer Anteilnahme, so doch mit steigendem Interesse die Entwicklung der jungen jüdischen Heimstätte in Palästina verfolgen, wird der „Jüdische Almanach" vielen die klare Zusammenfassung jüdischen Geistes und Strebens bedeuten. Eingeleitet durch eine trotz knappster Form erschöpfende Chronik über das Jahr 5685 (verfaßt von L. Bato), werden in der Folge wertvolle Arbeiten jüdischer Dichter gebracht. Unter anderem ein Bruchstück aus einem noch unveröffentlichten Werk Artur Schnitzlers, „die Legende der dritten Taube" von Stefan Zweig. Zwei Gedichte des großen hebräischen Dichters Saul Tschernichowsky, in der formvollendeten, auch rhythmisch und sprachlich reiz vollen Nachdichtung Hugo Knöpfmachers. Über jüdische Kunst schreibt Prof. Max Eisler (der auch die künstlerische Leitung des geschmackvoll ausgestatteten Almanachs durchführte), über jüdische Musikforschung Prof. Max Graf usw. Ein Kalendarium und reicher Bilderschmuck (Liebermann, Israels, Struck usw.) tragen noch dazu bei, das kleine inhaltsreiche Werk zu dem zu machen, was seine Schöpfer in ihrem Geleitwort anstreben: „Ein Querschnitt zu sein durch das jüdische Schaffen auf den verschiedensten Gebieten des modernen Kulturleben?". E—t. „J^dit Goethe durch Italien* Unter dieser Devise hält unsere Mitarbeiterin, Frau Dr. Else Hof mann, einen Zyklus von Vorträgen mit Lichtbildern und Führungen, die Goe'.he und die Seinen, ital'enische Städte und Museen zeigen werden und die das Problem des Zusammenhanges der Antike und der modernen Kunst behandeln werden. Die nächsten Vortragsabende finden Mittwoch, den 2., 9. und 16. Dezember, in der Akademie der bildenden Künste, Wien, I., Schillerplatz 3, statt. Karten und Anmeldungen beim Portier der Akademie, Hugo Heller (Bukum), I., Bauernmarkt 24. Würthle & Sohn, I., Weihburggasse 9. Jeder Vortrag ist in sich abgeschlossen. BÜCHEREINLAUF S. j. AGNON: Und das Krumme wird gerade. Jüd. Verlag, Berlin. DAVID BERGLSON: Am Bahnhof. Benj. Harz-Verlag. MAX BROD: Reubeni. Kurt Wolff-Verlag, München. EMIL BERNH. COHN: Legenden. Verlag Georg Müller, München. CARL HAUPTMANN: Ismael Friedmann. Kurt Wolff-Verlag, München. PAUL W. KEPPLER: Wanderfahrten und Wallfahrten im Orient. Verlag Herder & Co., Freiburg i. Br. MENDALE MOICHER SFUR1M: Der Wunschring. Jüd. Verlag, Berlin. JOSEF TRUMPELDOR: Tagebücher und Briefe. Jüd. Verlag, Berlin. J. ZANGWILL: Die graue Perücke und anderes. Siegfr. Cronbach-Verlag, Berlin. ERKLÄRUNG Professor Simon Dublin w ersucht den Jüdischen Ve.lag. Merlin, wie dieser uns mitteilt, um dir Veröffentlichung der folgenden Erklärung „Meine im Jüdischen Verlag-, Berlin, in Jehl. Bänden erscheinende .Weltgeschichte des jüdischen Volkes' steht mit dem hei Max Maisei in New York 1925 erschienenen Buch ,Ai. Outline of Jewish History' in gar keinem Zusammenhang. Bei dem genannten in New York erschienenen Werke handelt es sich um eine Übersetzung meines .Lehrbuchs der jüdischen Geschichte' aus dem Russischen. Dieses ist in Rußland vor langer Zeit für Schulkinder herausgegeben worden. Die jetzt erschienene englische Ausgabe in New-York ist unter Nichtberücksichtigung meiner pädagogischen Absichten sowie auch unter anderem Titel herausgegeben worden, so daß es den Anschein hat, :ds wäre es ein Buch für Erwachsene. Ich habe bereits in einem Schreiben an den New Yorker Verlag wie auch in der New Yorker Tageszeitung ,Der Tag* gegen diese Veröffentlichung protestiert. Durch diese Mitteilungen dürften wohl die Besprechungen der erwähnten eng'ischen Obersetzung ihre Erklärung finden, in denen der Verwunderung über eine .Geschichte' Ausdruck gegeben wird, die 2u Erwachsenen wie zu Kindern spricht S. Dubnow."