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Menorah · 1925-12-01 · Heft 12 (Dezember 1925) · p. Seite 268

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
3 (1925)
Issue
Heft 12 (Dezember 1925)
Article
Das unzerstörbare Meisterwerk
Date
1925-12-01
Page
Seite 268 (sequence 2)
Language
German
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268 M E N O R A H gesiedelt und das kann ich Ihnen sagen: wir waren arm wie die Kirchenmäuse. Aber wir waren jung und das entschädigt für vieles." Braun und ich wohnten in einer Dachkammer, in welcher gerade seine Staffelei und mein Klavier Platz hatte. Schon damals aber wußten wir, daß Braun ein großer Maler werden würde, vorausgesetzt, daß er nicht früher verhungert sei. Und diese letztere Möglichkeit schien für den Augenblick leider die wahrscheinlichere zu sein." „Allerdings war Schneider da. Ich wette, daß Sie niemals von ihm gehört haben. Nein, nein, kein Maler, auch kein Sänger oder Klavierspieler — er hatte einen viel wichtigeren Beruf. Schneider war der Besitzer eines sogenannten ,Biersalons' in North Avenue. Ich würde viel darum geben zu wissen, wo er sich jetzt befindet, denn damals hat er uns täglich zweimal das Leben gerettet." „Ein ganzes Jahr lang lebten Braun und ich von Schneiders Freitisch. Da gab es Häringe, Roggenbrot, gebratenes und gepökeltes Fleisch, gekochten Schinken, Zwiebel, alle Arten von Käse und, daß ich es nicht vergesse, ein Faß Oliven und eine große Schüssel trockenen Zwieback! Wahrhaftig, die Genüsse, die Schneiders Freitisch bot, waren eines Königs würdig. Und bei alledem kaufte man ein Glas Bier für fünf Cents und aß daneben umsonst bis man platzte." „Sie begreifen, Avas das damals für uns bedeutete. Braun und ich hatten manchmal nur zehn Cents per Tag und davon sollten wir leben. Zu Mittag gingen wir also zu Schneider. Braun fragt mich: ,Willst du etwas trinken, Max?' Ich sage: ,Nein, Frank.' Dann verwickle ich Schneider in ein Gespräch, während Braun seine Mahlzeit hält, hierauf übernimmt er die Unterhaltung und ich esse." „Das geht so fort, bis Schneider eines schönen Tages sagt: ,Frank und Max, hört mir zu. Ihr schuldet mir drei Dollars; ihr nehmt hier alle Mahlzeiten und bezahlt nicht einmal euer Bier. Es tut mir sehr leid, aber euer Kredit ist erschöpft." „Stellen Sie sich gefälligst unsere Gefühle bei dieser Mitteilung vor — nicht mehr zu Schneider gehen dürfen, kein Freitisch mehr! Das war für uns der Hungertod!" „Max,* sagt Braun, ,ich habe eine Idee'. Und er hatte wirklich eine." „Wie alle großen Gedanken war sie einfach. Braun meint, alles liege daran Schneider zu beweisen, daß unsere Aussichten lür die Zukunft vorzügliche seien. Gelinge uns dies, so würde er uns unseren Kredit wieder einräumen. Dann setzt er sich hin und beginnt zu malen, den ganzen Tag und den größten Teil der Nacht. Ich glaube, es war die letzte Leinwand, die er besaß, jedenfalls war sie ungewöhnlich groß. Sie müssen wissen, alle Landschaften, die Braun malt, sind sehr groß." „Also, er malt und malt und als er endlich fertig ist, bringen wir das Bild zu Schneider hin und unser zwei haben wir daran zu tragen. Ich sage Schneider, daß es das Werk eines alten Meisters sei, welches wir soeben aus Berlin aus der Sammlung meines Vaters erhalten hätten. Schneider solle es bei sich behalten, denn es sei viel zu kostbar um in unserer Dachkammer aufbewahrt zu werden. Schneider ist geschmeichelt, er betrachtet das Bild und da es so groß ist, ist er schon fast geneigt uns zu glauben." „Dann gehen Braun und ich zur Bank und beheben die zehn Dollars, welche wir für den äußersten Notfall zurückgelegt haben, wir gehen in die Stadt und lassen das Bild auf 2000 Dollars versichern. In Anwesenheit des Versicherungsagenten, der, wie Sie sich vorstellen können, nicht auf den Mund gefallen ist, zeigen wir Schneider die Polizze — er ist sprachlos vor Überraschung und Bewunderung! Natürlich ist unser Kredit wiederhergestellt und fester als je. Wieder gibt es Häringe, Fleisch, eingemachte Früchte, Käse und alle anderen Herrlichkeiten und Sie mögen glauben, daß wir gegessen haben." „Schneider ist auf das Bild so stolz wie ein Pfau. Wir sprechen täglich vor um zu sehen, ob alles in Ordnung ist, Braun geht stets hinter den Schanktisch um das Bild ein wenig abzustauben und trinkt bei dieser Gelegenheit noch ein Glas. Nie mehr wird von Kredit gesprochen. Besitzen wir denn nicht ein Meisterwerk, das auf 2000 Dollar versichert ist? Sie können mir glauben, der gute Schneider war froh so vornehme Gäste zu haben." „So geht alles einige Monate in bester Ordnung. Eines Tages aber begegnen wir auf dem Heimwege der Feuerwehr, die zu einem Brande fährt. Braun und ich gehen um das Feuer zu sehen." „Schneiders Biersalon brennt — schon von weitem erblicken wir den Feuerschein. Braun wird leichenblaß, faßt mich beim Arm und flüstert: ,Das Bild, Max! Es wird verbrennen!"' „Ich sehe Braun an und ich glaube, auch ich beginne zu zittern, Avas mir übrigens jeder nachfühlen wird. Schließlich handelt es sich um 2000 Dollars. ,Max,' sagt Braun, ,wir werden zusammen eine Weltreise unternehmen. Außerdem habe ich heute einen Anzug und einen Spazierstock gesehen, die ich unbedingt haben muß." „Aber dies war nicht der Augenblick Redensarten auszutauschen. Wir nähern uns langsam dem Biersalon, schon schlendern wir beschaulich und mit verträumtem Gesichtsausdruck dahin, wie die reichen Leute und geben in Gedanken bereits ,unsere' 2000 Dollars aus." „Die Kneipe brennt lichterloh, alles geht in Flammen und Rauch auf. Braun und ich bleiben beisammen. Wir sehen Jo Davidson atemlos zu dem Brandplatz eilen und nicken ihm freundlich und leutselig zu. Der Besitz von Geld verursacht eben entscheidende soziale Unterschiede." „Plötzlich hören wir einen Schrei und erblicken Schneider, der sich von der Menge, die ihn zurückhalten will, losreißt. Er stürzt in das brennende Haus — ein Feuerwehrmann ihm nach. Braun und ich stehen und schauen. Wahrscheinlich sucht der Ärmste eines seiner Kinder. Aber ich zähle die Kinder, die alle auf der Straße versammelt sind und es fehlt keines." „Endlich kommt Schneider mit dem Feuerwehrmann zurück, sie tragen etwas. Braun sinkt gegen das Fenster einer Delikatessenhandlung und stöhnt. Ich schließe schaudernd die Augen. Ja, es ist das Bild." „Schneider erblickt uns und kommt auf uns zu. Er hat schwere Brandwunden erlitten, aber das Bild ist unversehrt. Der brave Feuerwehrmann und er übergeben es uns. Ich wende mich ab und die Worte versagen mir." „Ihr Jungen habt Vertrauen zu mir gehabt', sagt Schneider, ,und ich habe mich zur rechten Zeit daran erinnert. Im letzten Augenblick habe ich mich an das Bild erinnert. Wenn ich auch kein Künstler bin, so werde ich es nicht dulden, daß in meinem Hause ein Meisterwerk zugrunde geht. Deshalb habe ich es gerettet. Es ist das einzige von meinem Hab und Gut, was ich gerettet habe.' Und er drückt uns die Hände und ich sage ,clanke'. In der Nacht, die diesem Abend folgte, habe ich Beethoven gespielt, nur Beethoven. Die neunte Symphonie ist wohltuend für Gefühle, wie sie mich und Braun erfüllten." In dem Gebäude der Kunstausstellung ist es kühl und Max betrachtet die Bilder, während er lächelnd der alten Zeiten gedenkt. „Ich könnte meine Geschichte damit beendigen, daß ich Ihnen tief bewegt sage, diese Landschaft hier ist das Bild, welches Schneider gerettet hat", fuhr er fort, indem er auf eine große Leinwand zeigte. „Aber das wäre nicht wahr. Ich habe das Bild zu Hause. Es ist auch jetzt keine 2000 Dollars wert. Wer weiß aber, was noch geschehen mag. Vielleicht werde ich noch Ursache haben Schneider dankbar zu sein." (Aus „Thousand And One Afternoons In Chicago" von Ben Hecht, ins Deutsche übertragen von Ella Kronfeld.)

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