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Menorah · 1925-12-01 · Heft 12 (Dezember 1925) · p. Seite 260

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
3 (1925)
Issue
Heft 12 (Dezember 1925)
Article
Grete Wolf-Krakauer
Date
1925-12-01
Page
Seite 260 (sequence 2)
Language
German
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260 M E N O R A H GRETE WOLF-KRAKAUER (Wien) mehr noch als Zeitströmung war es ihr Ich. Dieser selbständige ehrliche und vorwärtsdrängende Geist, der in der Chaosstimmung von 1918/19 in flammenden Kristallen und feurigen Strahlen zum Bild wurde. (Ausgestellt im Bund der Geistigtätigen, 1919.) „Abstrakte Bilder" gehören für uns im Augenblick der letztüberwundenen Epoche an. Und so können wir nicht gerecht sein. Aber eines dürfen wir sagen: Tot, erledigt wie so viele andere Bilder gerade dieser Jahre erscheinen die von Grete Wolf nicht. Groß und ernst hängen sie da und fordern Ernst und Hingabe von uns. Den objektlosen „Raum" vertauscht die Künstlerin in den letzten Jahren wieder mit dem Objekt. Sie malt Landschaft, Blumen, Tanzposen — vor allem aber tritt die „Menschendarstcllerin" nun in neuer, etwas gewandelter Gestalt hervor. Die „Konstruktion" von einst mit ihren Dreiecken und Prismen wird diskret auf die Gestaltung des menschlichen Kopfes, des Gesichtes angewandt. Es ist ein eigenartig moderierter „cubismc", der in den Porträts des Kinderarztes Professor Dr. Leiner, des Hofrates Drucker, der subtil empfundenen Frau Steininger nachwirkt. Unauffällig, dem flüchtigen Betrachter kaum bewußt, ist immer noch die Weite des Gesichtes in ihre wesentlichen Kurven und sphärischen Dreiecke zerlegt. Eine geheime Plastik baut diese Köpfe auf, als wären sie zunächst in geschlossener Form modelliert und erst später mit leichter Hand fürs „Charakteristische" übergangen. Ausgezeichnete Beispiele ihrer Beherrschung dieser „Charakteristiken" sind die Köpfe des Schriftstellers Dr. Ernst Müller und des Kunstkritikers Dr. M. Ermers. Die innere Plastik wirkt auch hier und gibt diesen Zeichnungen etwas fast Monumentales. Dabei ist mit unfehlbarem Spürsinn die innere und äußere Schwere des jüdischen Gelehrten und Platokenners Müller, die vibrierende Intcllektualität des Sinnes- und Augenmenschen und aktuellen Journalisten Ermers erfaßt. Niemals banalisiert Grete Wolf. Eher vertieft sie. Aus geistreich macht sie geistig, aus sensibel sensitiv. Die innere Form ihres „cubismc" wirkt sich auch noch bei der Landschafterin Grete Wolf aus. Streng, geometrisch und plastisch gefühlt, schließen Berg- und Hügelkonturen die Hintergründe ab, strahlen Bäume in den Raum. Die schönen Rötelzeichnungen vom Gmunclncr See zeigen groß und streng che Silhouette des 1 raunsleins. Einen glücklichen Sommer hat Grete Wolf-Krakaucr in dem Gasthaus „zur Luft" in Gmunden zugebracht; etwas von Glück lebt auch in der immer wiederholten Darstellung dieser Landschaft, Wie die Meister von Kioto immer wieder die Silhouette ihres geliebten Fuji-Berges nachziehen, mit soviel Liebe und Andacht hat Grete Wolf die österreichische Landschaft, die Gmundner Gegend immer wieder gemalt und gezeichnet, Berge, See, Bäume, Fläuscr, das B.ldstöckel am Weg ... DER KLEINE JULIUS B. Sie hat eine eigene feine Wischlechnik für Graphitzeichnungen, che ihr scharf linearen und breiten weichen Strich und alle Nuancen der Schwärzen ermöglicht — auch hier ein Ansatz zu einer Weisheit, die in chinesischen „Büchern von der Tusche und der Linie" weiter ausgeführt ist und der „Ostasienseele" von Grete Wolf vertraut erscheinen mag. Es ist eine höchst merkwürdige Erscheinung, die uns die geistigkünstlerische Entwicklung der krau in einem seltsamen Lichte zeigt, daß die Darstellung des Kindes weder in der Dichtung noch in der bildenden Kunst der Frau besonders nahe la« oder von ihr entscheidend bereichert wurde. Die großen Dichterinnen von Sappho und Diotima bis Madame de Stael, George Sand, Annette Droste und Ricarda Huch waren Erotikcrinncn und keine „Mütter" in der Dichtung. Allerdings Selma Lagcrlöf und die Ebner-Eschenbach haben das Kind aufgenommen und zuweilen in den Mittelpunkt gestellt, einige französische Schriftstellerinnen tun dies jetzt auch. Aber irgend ein wirkliches Denkmal des Mutterseins, eine neue „Kinclheitsschau" hat die Frau nicht geschaffen. Ebenso in der Malerei. Judith Leister und die holländischen Blumenmalennnen, Angelika Kauffmann, die Rose Bonheur, Tina Blau — sie erzählen von vielem, aber nicht vom Kinde. Die Vigee- Lebrun, Käthe Kollwitz — einzelne kleinere Porträtistinncn schon das Kind. Und Grete Wolf? In ihrem Atelier verfolgt ihr kleines lustiges dreijähriges Mäderl ihren Fleiß. Dieses Kind, und alles was an Kindern in der Nähe oder erreichbar war, hat Grete Wolf- Krakauer in liebevollen und getreuen Studien festgehalten, am liebsten die ganz kleinen von ein Monat aufwärts. Lutschend, strampelnd, saugend, schlafend machen diese Babies und Kleinkinder einen wichtigen Teil in ihrem „Werk" und ihrer Persönlichkeit aus. Sie fühlt die Sicherheil und Liebe der Mutter im Leben und auch in der Kunst. Ihr Intellekt ist stark, aber warm. Sie hat nicht das Kühle, Abstrakt-Geistreiche, das die Gefahr der geistig tätigen krau ist. Sic ist reif geworden und ihr Lebensweg scheint klar vor ihr zu liegen. Mit Kind und Mann geht sie hinüber nach Palästina, in neues Leben, neue Bewegung, Landschaft, horm und harbe. Warm, echt, sinnlich und phantastisch wird ihre Kunst bleiben. Ihre Farbe mag sich steigern, ihr Stil festigen, das letzte Persönliche, das Symbol ihres Ich mag Ausdruck werden. Line Vision der großen l'orm möge ihr gelingen. Der Künstler geht dahin — wir sehen ihm nach und 1 ragen „Wohin gehst du?" Da lächelt er und sagt das Wort aus Clauclcls „Auferstehung": Das ist ein Geheimnis zw ischen mir und Gott . . .

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