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Menorah · 1925-12-01 · Heft 12 (Dezember 1925) · p. Seite 254

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Menorah
Volume
3 (1925)
Issue
Heft 12 (Dezember 1925)
Article
Palmen in Palästina
Date
1925-12-01
Page
Seite 254 (sequence 1)
Language
German
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254 M E N O R A H PALMEN IN PALÄSTINA Von NADJA ORNSTEIN Palästina brachte mir das Erlebnis der Palme. Gewiß, ich hatte Palmen schon vorher gesehen. Aber clie in glasgeschützten Wintergärten und dämmerigen Salons, in überhitzten "1 reibhäusern und abgezirkelten Parks, -waren denn das auch Palmen gewesen? Palmen muß man in ihrer Umgebung sehen, um sie zu erleben, wie sie -wirklich sind — unter südlich blauem Himmel, in weißglühender Sonne, von den Brisen leuchtender Meere gewiegt, che (lachen oder kuppctbesetzlcn Dächer arabischer Lehm- und Steinwürfelstäcltc einzeln überragend, selbst wie versteinert, in urwelllicher Arabeske . . . Mit Kamelen, clie an ihnen vorbeischaukeln, braun wie ihr Stamm und halbwach wie sie selber . . . Mit dunklen, bunten Gestallen des Orients, che wie in leisem Schlaf an sie lehnen oder im Sande zu ihren Füßen sitzen, unbeweglich, manchmal wie im Gebet*- hin- und herschwankencl, che brennenden Augen entrückt in tiefer Hypnose . Bald nachdem ich gelandet war, hatte ich die Sensation clor Palme. Durch das arabische Viertel clcs nächtlichen Hafens führte mich der Wagen vom Hafen und zu beiden Seiten der engen, aufuncl niedersteigenden Straße sah ich hinter den Mauern mohammedanischer Höfe che Silhouetten langer, mächtiger Palmwedel mit königlicher Pracht gegen den großgestirnten Nachthimmel wehen. Es war als wiesen sie den Weg zur Märchenpforte des Orients . . . Um so fremdartiger wirkte am nächsten Morgen der Hain wilder, zerzauster Dattelpalmen, der wie eine Säulenvorhalle vor dem nordöstlichen Haifa steht. Aus dem gelben Sanclc der Kischonebene schießen die Palmen hier hervor und unerfindlich bleibt, -woher sie ihre Nahrung nehmen. Arabische Fischer legen unter ihnen ihre Netze zum Trocknen aus und sähe man nickt zwischen den dünnen, leeren Stämmen che Häuser der Stadt auftauchen, man könnte sich auf eine einsame Südseeinsel verschlagen glauben. In eine ferne, sliile, dem Ozean entstiegene Welt versetzen einen hier clie Palmen. Selber ein Phanlasiccinfail der Tropen, wird es ihnen so leicht unsere Einbildungskraft anzuregen und Traumgefildc der Seele durchwandert man bei ihrem Anblick. Von meinem henster aus übersah ich clie Hintergärten der Villenhäuschen von Haifas deutscher Kolonie, che sich, nur durch die Bahnstraße getrennt, der lasurblauen Bucht entlang ziehen. Blumen und Büsche gab es darin, doch sie verschmolzen als Selbstverständlichkeit mit ihrer Umrandung und fielen nicht weiter auf. Als einziger Baum stand eine junge Palme zwischen ihnen und s i e zog alle Blicke auf sich. Etwas schief zeichnete sich ihr schlanker Slanim gegen den Horizont clcs Meeres und jedes Lüftchen, das von der See kam, verfing sich in ihrem Blättergefieclcr und brachte über sie die ewige, leise Unruhe, die clas Erbteil des Lebens und der Jugend ist. Wann immer ich hinaussah aus meinem Fenster, ob nun der graue Dunst des Morgens noch um Meer und Flimmel webte, ob die Abenddämmerung verglühend ihre rosa und lila Schleier um die einsame junge Palme wand, immer ging durch den Fächer ihrer Krone ein leises Zittern wie von ungestillter, verhaltener, herzklopfender Sehnsucht. Nur in der Nacht, wenn golden der Mond und clie Sterne kamen, um sie zu küssen, hielt sie den Atem an . . . Auch in 1 cl Aviv hatte ich Palmen vor meinem Fenster. Aber hier -waren sie Sinnbilder von Kraft, Schönheit und Himmelsstrebigkeit. Um clas doppelte überragten sie das stockhohe Gebäude des Mäclchenhoslcls, in willensgespannter, unglaublicher Gerade in che Höhe zielend. Kugelförmig standen ihre meterlangen, grünen Wedel um den oberen Stamm herum und ihr langsames Fächeln gegen den blauen Flimmel war die wundervollste Segensgeste, die Natur für unsere Seelen kennt. Wenn beim Erwachen der erste Blick clie unvergleichlichen, leise bewegten Silhouetten der Palmen umfaßte, so war es wie ein sanftes Streicheln des Himmels, clas zum Morgengruß die noch traumtrunkene Seele berührte und für den Rest des Tages blieb ihr davon eine Ahnung ewiger Schönheit. Die zwei Torhüterpalmen waren nicht die einzigen m der Nähe des Flostels. Aus den Gärten rings winkten noch eine Reihe anderer herüber, hohe Zwiesprache haltend hinweg über clie niedlichen, kleinen Häuschen des neuen Boruchowviertels und die Orangenbüsche der anschließenden Arabersiedlung und vorne an der Straße standen sie dicht beieinander in einem natürlichen Hain, den Sportplatz der Tel Aviver Jugend überschauend. Hochbeladene Kamelkarawanen schwankten an ihnen vorbei oder lagerten in ihrem Schatten. Sic schleppten die Steine herbei für das ununterbrochen bauende Tel Aviv und die Palmen am Rande der heutigen Stadt werden bald die letzten Zeugen der Sanclwüste sein, clie sich noch vor kurzem hier erstreckte und deren einzige Beherrscherinnen sie damals waren. Die Palme ist kein charakteristischer Baum der jüdischen Siedlungen. Sie wird von ihnen vielmehr nur gezüchtet, wie man sie in Europa züchtet, als eine kostbare Rarität, als eine exotische Zier. Freilich, in dem geeigneten Klima entwickelt sie sich oft so prunkvoll wie in ihrer tropischen Heimat. So ist clie Palme im Palmcnwalcl von Migclal am Ufer des seidenblauen Kinerethsees nicht der wüstenentsprossene Baum, sondern ein Abbild indischer Pflanzcnherrlichkeit. Säulendick, nur mittelhoch und ungewöhnlich dicht wachsen clie. braunhaarigen Stämme in den Alleen dieses kleinen Waldes nebeneinander und man würde nicht staunen, wenn Panther und Tiger unter den tiefstehenclen Palmenfächern lauerten. So clschungelarlig verschlingt einen dieser fürstliche Garten, der in einer Viertelstunde kreuz und quer durchschritten werden kann. — In der heißen Ebene des Kinerethsees und des Jordantales reifen Früchte an den Palmen. Hier gilt nicht mehr ihre Poesie, sondern vor allem ihre Nützlichkeit. Die Kwuzah Kinereth hat jüngst einen tausendstämmigen Bananenwald gepflanzt. Als riesige Birnen hängen die blauroten, fleischigen Blüten in Handreiche an dem niedrigen Stamm und unter jedem ihrer zuerst dicht aneinander klebenden Deckblätter entwickeln sich die Traubenbüschel der köstlichen Frucht. So sehr belastet ihr großes Gewicht die schwache Palme, daß diese nach einmaliger Fruchtabgabe völlig erschöpft sich umlegt und ein neuer Stamm clie Frucht für clas nächste Jahr tragen muß. Die kolossalen, elliptischen, glatten Blätter der Bananenpalme sprießen nahe der Erde vom Stamm empor und müssen sorgsam gegen den Wind geschützt werden. Sonst zerfetzen sie sich so fächerförmig wie die Blätter der windgewohnlcn Palmen wohlweislich schon von Natur aus zerteilt sind, und sterben an dieser Verwundung. Überreste uralter Pflanzenwelt scheinen die Palmen zu sein. Wie Saurier der Flora muten sie zuweilen an und versunkene Erdperioden biblischen Allers steigen bei ihrem Anblick empor. Sicht man sie aber einzeln aus dem Steinmeer altehrwürdiger Städte ihre Polypenarme gegen den Himmel recken, Jerusalems Mauern, 1 iberias Kuppeln, Ramichs gefleckte Zinnen mit ihrer ParadiesesschÖnheit überschatten, dann wirken sie wie clas Wahrzeichen des Orients — wie ein Teil jener verzauberten Welt, aus der die Grundornamentik unserer Seele stammt. —

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